Bild: Moritz Werthschulte

Spenderzahlen am Tiefpunkt – Gehen Deutschland die Organe aus?

Zahlen und Fakten zur Organspende in Deutschland

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Wir würden gerne erfahren, was Sie persönlich über Organspende denken und wie Ihnen die-debatte.org gefällt. Nehmen Sie hier an unserer 5-minütigen, anonymen Umfrage teil. Die Antworten werden von der Abteilung für Kommunikations- und Medienwissenschaften der TU Braunschweig in einem begleitenden Forschungsprojekt ausgewertet.

10.107 Menschen warten, aktuellen Zahlen von Eurotransplant zufolge, in Deutschland derzeit auf ein Organ. Ihre Chancen auch wirklich eine Spende zu erhalten, stehen allerdings so schlecht wie seit 20 Jahren nicht mehr. Die aktuelle Statistik zur Organspende zeigt: In Deutschland hat die Anzahl der gespendeten Organe und die der registrierten Organspender einen Tiefstand erreicht. Ein Trend, den man bereits seit einigen Jahren beobachten kann.

Im Jahr 2017 gab es bundesweit nur 797 Organspender und es wurden lediglich 2594 Organe erfolgreich transplantiert. Ein weiterer Abwärtstrend, nachdem bereits die Zahlen aus dem Jahr 2016 einen neuen Negativrekord bedeutet hatten. Damals waren es noch 857 Spender und 2867 Organe. Zum Vergleich vor 20 Jahren, also im Jahr 2007 lagen die Zahlen noch circa 65 Prozent über den heutigen. Gehen Deutschland also die Organe aus?

Erschreckende Zahlen – zumindest für alle Befürworter der Organspender – vor allem dann, wenn man sie im internationalen Vergleich betrachtet. Schlechter als Deutschland schneiden im internationalen Vergleich nur Griechenland, Rumänien, Bulgarien und Albanien ab. Betrachtet man die Anzahl der Spender, denen tatsächlich Organe entnommen wurden, lag die Zahl 2017 bei 9,7 Spendern pro eine Million Einwohner. Damit rutschte Deutschland erstmals unterhalb die Marke von 10 Spendern pro eine Million Einwohner. Diese gilt international als Voraussetzung für ein ernst zu nehmendes Organspendesystem. Spitzenreiter Spanien hingegen meldete für 2017 46,9 Spender pro eine Million Einwohner.

Einer der großen Unterschiede zwischen den führenden Ländern und Deutschland blieb auch nach der Reform des Transplantationsgesetzes 2012 bestehen. In Deutschland besteht weiterhin ein sogenanntes Opt-In-System, bei dem man sich aktiv für eine Spende entscheiden muss. In anderen Ländern, wie Spanien, Frankreich oder künftig auch den Niederlanden hingegen, ist jeder automatisch Organspender und muss sich aktiv gegen eine Spende entscheiden. Ein systemischer Unterschied, der von Experten häufig als einer der Gründe für die geringe Anzahl an Spendern angegeben wird.

Denn an der allgemeinen Bereitschaft Organe zu spenden mangelt es Studien zufolge nicht. Laut einer repräsentativen Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gaben 81 Prozent der Befragten an, dem Thema aufgeschlossen gegenüberzustehen und grundsätzlich bereit zu sein, anderen nach dem Tod mit einer Spende zu helfen. Jedoch hat nur gut ein Drittel einen Organspendeausweis. Und diesen braucht man in Deutschland, um selbst zu entscheiden, ob man nach seinem Tod Organspender sein möchte oder nicht. Andernfalls müssen die Angehörigen diese Entscheidung dem mündlich geäußerten Wunsch des Verstorbenen entsprechend fällen.

Es herrscht also eine große Diskrepanz zwischen der Bereitschaft Organe zu spenden und dem tatsächlichen Entschluss dies auch aktiv zu äußern. Weshalb genau dieser Unterschied besteht, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Während einige Experten die aktuelle rechtliche Regelung als Hauptgrund anführen, mangelt es aus Sicht von anderen vor allem an Informationen und Transparenz. Und auch der Transplantationsskandal aus dem Jahr 2012 spielt den Experten zufolge eine Rolle, da er mit einem großen Vertrauensverlust einherging.

Damals kam ans Licht, dass ein leitender Transplantationsmediziner am Universitätsklinikum Göttingen Krankenakten gefälscht hatte, um Patienten auf der Warteliste nach oben zu schieben. Ein Skandal, der sich auch auf andere Kliniken in Deutschland ausweitete und zu der Einführung einer ganzen Reihe neuer Kontrollmechanismen und Regularien führte. Diese wurden ergänzend und etwa zeitgleich mit der Reform des, ursprünglich aus dem Jahr 1997 stammenden, Transplantationsgesetzes eingeführt. Eine Reform, die es vor allem aufgrund  neuer EU-Richtlinien gab, die aber wegen des Skandals ein deutlich stärkeres öffentliches Interesse generierte. Neuerungen, die den Negativtrend allerdings bis heute nicht stoppen konnten.

Deshalb schließen viele der Experten aus, dass es nur einen einzigen Grund für den Tiefstand gibt, dafür spielen zu viele ethische, rechtliche und systemische Fragen eine Rolle. Eines ist jedoch sicher: Wenn man die Organspende für eine richtige und wichtige medizinische Errungenschaft hält, muss sich etwas ändern, sonst gehen Deutschland die Organe aus.

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4 Kommentare

  • O. Grundmann

    30.03.2018, 18:41 Uhr

    Ich hoffe in dieser Legislaturperiode auf eine breite überparteiliche Allianz im Deutschen Bundestag im Sinne einer modifizierten Widerspruchslösung. Dies sind wir allein den zahlreich auf ein Spenderorgan hoffenden Menschen in unserem Lande schuldig.

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  • Stephan Weber

    05.05.2018, 21:32 Uhr

    … man sollte allerdings die bestehenden Möglichkeiten gezielt nutzen.

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  • Nana Uhommes

    04.09.2018, 8:19 Uhr

    Kommentar gelöscht. Wir bitten Sie auf Unterstellungen zu verzichten und sich künftig sachgemäß an der Diskussion zu beteiligen. [Die Redaktion]

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  • B. Kollberg

    05.09.2018, 11:22 Uhr

    Ich finde die Widerspruchslösung richtig und notwendig. Ein jeder kann sich rechtzeitig gegen eine Organentnahme schriftlich wehren, sollte aber auch dann im Notfall kein Organ erhalten. Entweder man ist kollegial und erhält Hilfe im Notfall oder man ist Egoist und sollte dann auch keine Hilfe im Notfall erhalten.

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