Plastikmüll anderswo

Foto: Ayotunde Oguntoyinbo/Unsplash

Ein Blick über den Tellerrand

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Plastik ist überall. Plastikteile in unterschiedlichsten Formen und Größen findet man in fast jedem Winkel unserer Welt. Selbst in entlegenen Gebieten, wie der Antarktis und Henderson Island mitten im Südpazifik, wurde das Material bereits gefunden. Für diese globale Verteilung sorgen die Strömungen in den Ozeanen, in die Meere gelangt das Plastik größtenteils über Flüsse. Laut einer Studie des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung sind zehn Flüsse für 90 Prozent des Plastikeintrags in die Meere verantwortlich – acht davon liegen in Asien und zwei in Afrika.

Tatsächlich steigt der Plastikkonsum in Ländern des globalen Südens stetig an und immer mehr davon landet in der Natur. „Grund ist die wachsende Bevölkerung in den betroffenen Ländern und zunehmender wirtschaftlicher Wohlstand. Gleichzeitig gibt es dort oft eine mangelnde Abfallentsorgung“, sagt Dr. Nils Simon, Senior Projektmanager bei adelphi, einem Think Tank, der Akteure aus Politik und Wirtschaft zu Klima, Umwelt und Entwicklung berät. Zu denken, dass wir in Europa nichts mit diesem Plastikmüll zu tun haben, sei dennoch falsch. „Wir tragen über einen indirekten Weg Verantwortung. Viel von dem Plastik ist Verpackung oder es wird in der Landwirtschaft eingesetzt. Wir importieren wiederum Produkte von dort und exportieren auch einige Waren, die in Plastik verpackt sind“, erklärt Simon.

Zudem wird auch in Europa viel Plastik verwendet und die Recyclingquote ist längst nicht so gut, wie oft angenommen. Pro Kopf werden in der EU etwas mehr als 30 Kilo Plastikmüll pro Jahr produziert. In Deutschland sind es sogar 37 Kilo, in Bulgarien nur 14 Kilo. Insgesamt werden 40 Prozent der Kunststoffe in der EU recycelt. Der Großteil landet in Müllverbrennungsanlagen oder auf Deponien.

Darüber hinaus exportieren viele europäische Länder Müll ins Ausland. Bis vor kurzem vor allem nach China. Anfang des Jahres hat das Land jedoch einen Importstopp auf viele Recyclingmaterialien verhängt, mit der Begründung, der Müll sei zu verschmutzt und es gebe im eigenen Land bereits zu viel davon. Ein Forscherteam um Jenna Jambeck von der University of Georgia hat sich in einer aktuellen Studie mit diesem Importverbot beschäftigt. Die Wissenschaftler haben festgestellt, dass 87 Prozent der Müllimporte in China aus Ländern mit einem hohen Einkommen kamen und zu 10 bis 13 Prozent zusätzlicher Masse an Plastikmüll geführt haben. Wie sich der Importstopp auswirken wird, sei noch unklar. Die Forscher befürchten, dass, wenn sich am Recycling der exportierenden Länder nichts ändern wird, noch mehr Plastikmüll auf Deponien landen wird. Möglich sei auch, dass der Müll in Nachbarländer Chinas exportiert werde. „Bestimmt gibt es andere Länder, die den Müll annehmen und noch weniger umweltgerecht damit umgehen werden. Gleichzeitig hat das Importverbot die Recyclingbranche wach gerüttelt und angeregt, nach intelligenteren Lösungen zu suchen. Wichtig ist jetzt, dass sich die Politik dafür einsetzt, das Recycling anzukurbeln und gleichzeitig den Konsum von Plastik zu verringern“, sagt Simon.

„In Europa halte ich einen schärferen Kurs durch Verbote noch nicht für denkbar.“

Dr. Nils Simon, adelphi

Welche dramatischen Auswirkungen Plastikmüll in der Umwelt haben kann, haben jedoch mittlerweile viele Länder begriffen und begonnen zu handeln. Die beliebteste Maßnahme ist derzeit das Verbot von Plastiktüten, das inzwischen in vielen Ländern oder Regionen der Welt gilt. Vorreiter war hier Ruanda, wo das Verbot bereits 2008 eingeführt wurde. Simon sieht hier neben ästhetischen Gründen und einem Umweltgedanken noch andere Gründe, die dafür ausschlaggebend waren: „Der Problemdruck ist in vielen Ländern sehr groß. Denn Plastiktüten verstopfen häufig Abflüsse und bei einem starken Regenguss kommt es dadurch zu Überschwemmungen. Die Tüten können auch zu einer Brutstätte für Mücken werden, die Krankheiten verbreiten.“

Diskutiert werden vielerorts auch Verbote anderer Plastikprodukte wie beispielsweise Wattestäbchen, Strohhalme oder Plastikbesteck. In Schweden, Neuseeland und Kanada ist es wiederum verboten, Mikroplastik in Kosmetika einzusetzen. Am weitesten geht bisher der indischen Bundesstaat Maharashtra. Dort ist vor wenigen Wochen ein Verbot von allen Einwegprodukten aus Plastik in Kraft getreten. Wer sich nicht daran hält, dem drohen sogar Geldstrafen. „Aktuell beschränken sich die meisten Länder noch auf sogenannte ,Low-hanging fruitsʼ, also Dinge, die sichtbar sind und symbolischen Charakter haben und so auch leicht kommuniziert werden können. Sie leisten zwar nur einen Teil des Beitrags, können im Einzelfall aber dennoch sichtbare Effekte zeigen“, sagt Simon.

Internationale Abkommen und Pläne in Bezug auf Plastikmüll sind derzeit noch kaum vorhanden. Die EU hat kürzlich immerhin eine gemeinsame Strategie vorgestellt, die den Verkauf von bestimmten Einwegprodukten einschränken und das Recycling verbessern soll. „In Europa halte ich einen schärferen Kurs durch Verbote noch nicht für denkbar. Man hat hier zwar experimentelle Projekte wie Unverpackt-Läden, aber ob sich das auf breiter Ebene durchsetzen wird oder regulatorisch angegangen wird, ist fraglich. Man hält hier zu viel auf seine Müllentsorgungssysteme, obwohl die alles andere als perfekt sind“, sagt Simon.

Um globale Vorhaben bemüht sich aktuell das Umweltschutzprogramm der Vereinten Nationen. Im Fokus steht dabei der Plastikmüll im Meer. Das sei zu kurzsichtig, sagt Nils Simon: „Die internationale Gemeinschaft müsste sich vielmehr mit den Quellen beschäftigen, die an Land sind. Sie müsste beispielsweise darauf drängen, dass Plastik nachhaltiger designt wird, besser recycelbar ist oder abbaubar. An die Wurzel geht bisher noch keiner, und eine rechtlich verbindliche globale Strategie gibt es schon gar nicht.“

Statt eines langfristig nötigen internationalen Abkommens hält Simon zumindest mittelfristig mehrere dezentrale Regelungen für wahrscheinlicher, die sich mit speziellen Aspekten des Problems beschäftigen. Also zum Beispiel Regulierungen für die Produktion von Plastik oder die Entsorgung. „Um ein gemeinsames Abkommen auf den Weg zu bringen und auszuhandeln, würde es mindestens zehn Jahre dauern. Bis dahin kann man davon ausgehen, dass die Menge an Plastikmüll, die in der Umwelt landet, noch einmal um 60 bis 80 Prozent steigen wird“, sagt Simon. Deswegen sei es wichtig, so schnell wie möglich auf anderen Ebenen zu handeln.

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