Social Bots als Waffe im Wahlkampf

Die Diskussion um Social Bots wird oft im Zusammenhang mit Wahlen geführt. Welche Manipulationsversuche gibt es und wie realistisch sind diese?

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Meinung machen, Meinung lenken und am Ende Menschen für sich gewinnen: Das sind die Ziele eines jeden Wahlkampfes. Seit jeher versuchen Politiker Menschen von sich und ihren Positionen zu überzeugen – die geschickte Nutzung der richtigen Medien hat dabei immer eine große Rolle gespielt.

So werden etwa Barack Obamas Wahlerfolge nicht zuletzt auf die Nutzung des Internets und der sozialen Medien zurückgeführt. Sein Nachfolger, Donald Trump, steht Obama in diesem Bereich in nichts nach, nur stand ihm mit den Social Bots ein neues Instrument zur Verfügung, um Wähler für sich zu gewinnen. Im US-Präsidentschaftswahlkampf wurden Bots millionenfach eingesetzt. Ähnlich war die Lage in Frankreich: Dort wurde kurz vor der entscheidenden Runde der Präsidentschaftswahl die Nachricht der „Macron-Leaks” von Bots in den sozialen Medien nach oben gepusht.

Mit Blick auf die anstehenden Bundestagswahlen stellen sich auch in Deutschland Wissenschaftler, Medien und Politiker zunehmend die Frage, ob und wie sich Social Bots auf die Wahlen auswirken werden. Könnten diese wie in den USA und in Frankreich von den Parteien und Kandidaten selbst eingesetzt werden, um ihre Botschaften zu verstärken? Oder gibt es gar Versuche Dritter, gezielt Desinformationen zu streuen, um ihre Interessen zu vertreten? Und wenn ja, wie groß ist der Einfluss, der damit tatsächlich erzielt werden kann?

„Bisher gibt es kaum Nachweise, was die tatsächliche Wirkung dieser Bots speziell in Deutschland ist”

(Dr. Ansgar Kellner)

„Bisher gibt es kaum Nachweise, was die tatsächliche Wirkung dieser Bots speziell in Deutschland ist”, sagt Dr. Ansgar Kellner vom Institut für Systemsicherheit der TU Braunschweig in unserem Interview. Eine der wenigen Untersuchungen, die es zum Thema gibt, stammt von Prof. Howard vom Computational Propaganda Project, der den Einfluss von Social Bots auf die Bundespräsidentenwahl in Deutschland untersucht hat.

Dabei gab es eine große Diskrepanz zwischen den Erwähnungen einiger Kandidaten bei Twitter und der Prozentzahl der Stimmen, die die Kandidaten am Ende erhielten. So entfielen auf den AfD-Kandidaten nahezu so viele Erwähnungen wie auf den Sieger. Während Frank-Walter Steinmeier in 54,1 Prozent der analysierten Twitter-Nachrichten erwähnt wurde, kam der AFD-Kandidat Albrecht Glaser in 40,2 Prozent der Tweets vor (Hier zur exakten Auswertung). Ein extremer Gegensatz zur Wahl durch die Bundesversammlung bei der Steinmeier 74,3 Prozent der Stimmen erhielt und Glaser nur 3,4 Prozent. 

„Ich halte die mittel- bis langfristigen Effekte von Social Bots für relevant und man sollte diese im Blick behalten. Für die aktuellen Bundestagswahlen sehe ich allerdings kein großes Risiko.“

(Prof. Dietmar Janetzko)

Während Howards Studie also keine direkte Beeinflussung nachweisen konnte, schätzt eine erste Kurzstudie des Büros für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages die mögliche Gefahr der Beeinflussung von Wahlen durch Social Bots als durchaus real ein. „Ein Ergebnis war, dass die Nutzung von Social Bots das Potenzial hat, die politische Meinungsbildung zu beeinflussen”, sagt Dr. Sonja Kind, Leiterin des Projekts. „Die Experten waren der Auffassung, dass dies auch auf den kommenden Wahlkampf zutrifft und ein ernstzunehmendes Risiko darstellt.“

Der Wirtschaftsinformatiker Prof. Dietmar Janetzko von der Cologne Business School teilt Kinds Einschätzung nur teilweise: „Ich halte die mittel- bis langfristigen Effekte von Social Bots für relevant und man sollte diese im Blick behalten. Für die aktuellen Bundestagswahlen sehe ich allerdings kein großes Risiko. Dass das Thema so massiv präsent in der Öffentlichkeit ist, zeigt ja gerade, dass die Öffentlichkeit funktioniert. Insofern rate ich hier zur Gelassenheit und setze auf diverse Mechanismen der Zivilgesellschaft.”

Ähnlich sieht es Prof. Konrad Rieck vom Institut für Systemsicherheit der TU Braunschweig: „Beim Thema ‚Social Bots‘ sollte man zunächst einen kühlen Kopf bewahren. Eigentlich sollte doch jedem klar sein, dass nicht jeder Account im Internet von einem Menschen gesteuert wird. Außerdem sind die Bots, die wir im Netz finden, eher primitiv und weit entfernt von einer künstlichen Intelligenz.“

Die Expertenmeinungen gehen also vor allem bei der Einschätzung auseinander, ob bereits bei der kommenden Bundestagswahl ein Risiko zur Beeinflussung besteht. Dass Social Bots immer stärker in den Fokus rücken und man ihre Wirkung und den Umgang mit ihnen im Auge behalten muss, steht dahingegen vor allem nach den Erfahrungen mit den Wahlen in den USA und Frankreich außer Frage. Immerhin haben sich die großen Parteien in Deutschland verpflichtet, im Wahlkampf selbst keine Social Bots einzusetzen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung; um den Einfluss von Social Bots dauerhaft zu minimieren, halten die Experten andere Maßnahmen allerdings für wichtiger.

„Langfristig braucht es eine umfassende Medien- und Persönlichkeitsbildung der Bevölkerung von der Kita bis ins Seniorenheim, um mit Manipulationsversuchen souverän umzugehen”

(Martin Fuchs)

„Langfristig braucht es eine umfassende Medien- und Persönlichkeitsbildung der Bevölkerung von der Kita bis ins Seniorenheim, um mit Manipulationsversuchen souverän umzugehen”, sagt der Blogger und Politikberater Martin Fuchs. Ansgar Kellner arbeitet vor einem ähnlichen Hintergrund aktuell mit Wissenschaftlern von der Universität Münster und der TU Braunschweig an einem Projekt namens PropStop. Ziel des Projekts ist es, versteckte Propaganda mit Hilfe statistischer Methoden und Methoden des maschinellen Lernens automatisiert aufzudecken und somit für den Nutzer sichtbar zu machen. „Wenn die Social Bots auf diese Weise erkennbar wären, dann könnte der kritische Nutzer diese Information in seiner Entscheidungsfindung nutzen und unter Berücksichtigung anderer seriöser Nachrichtenquellen eine bessere Entscheidung fällen – was dann Medienkompetenz bedeutet”, sagt er.

Wie stark der Einfluss von Social Bots auf die Bundestagswahlen im September dann tatsächlich sein wird, wird wohl erst hinterher zu klären sein. Und durch die Weiterentwicklung der dahinterstehenden Technologien – beispielsweise die Kombination von Künstlicher Intelligenz oder machine learning mit Social Bots – könnte das Thema Social Bots in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen. Allerdings ist es auch möglich, dass der Großteil der Aufmerksamkeit, die dem Thema momentan zuteil wird, dessen Neuheit geschuldet ist. Schließlich ist die Manipulation der Medien – gerade in der Politik – ja keineswegs eine neue Entwicklung und auch der Vergleich unterschiedlicher Quellen und die Bewertung dieser stellte auch in der Vergangenheit immer wieder ein Problem dar. „Ich wage vor diesem Hintergrund die These, dass wir uns in ein bis zwei Jahren mit dem Thema nicht mehr so intensiv beschäftigen werden”, sagt Martin Fuchs.

(Autoren: Rebecca Winkels und Bastian Zimmermann)

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2 Kommentare

  • Lyck

    15.06.2017, 15:01 Uhr

    Ist es nicht an Lächerlichkeit grenzend, wenn man den Einfluss von bots auf die BP Wahl untersucht? Eine Wahl bei der der Gewinner bereits vorab festgelegt wurde… Ansonsten haben wir doch bereits einen Typus von bots, die Medien. Die „Meinungen“ sind durch Ausbildung und Auswahl vorgefiltert und die wenigen Nachrichtenagenturen tragen den Rest durch Quasi-Gleichschaltung bei.

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  • Christian Meier

    15.06.2017, 16:34 Uhr

    Warum nicht einfach nur auf Sachargumente „hereinfallen“?
    Jeder kann heute, wenn ein Argument fragwürdig und zugleich wichtig erscheint mit einer Suchmaschine (bswp. ixquick.de) weitere Quellen suchen und den Gehalt überprüfen.
    Der Fehler liegt wohl ganz woanders, nämlich darin, dass evtl. Journalisten darauf reinfallen und über Dinge nicht berichten, weil sie zuwenig „Likes“ oder „Follower“ haben.

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