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Über Desinformation vor der Bundestagswahl

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Gefälschte Bilder, frei erfundene Zitate, Falschmeldungen im Internet – im Vorfeld der Bundestagswahl tauchen immer wieder Fehlinformationen auf. Verschiedenste Medien greifen diese Falschnachrichten wiederum auf und tragen so, vor allem wenn sie diese nicht wirksam entkräften, weiter zu ihrer Verbreitung bei. Es besteht die Angst, dass Desinformationen die Wahl beeinflussen könnten: Einer von dem Kampagnennetzwerk Avaaz in Auftrag gegebenen Umfrage zufolge, schätzen zwei Drittel der Menschen in Deutschland Falschnachrichten und politisch motivierte Desinformationskampagnen als Gefahr für die Bundestagswahl ein. 

Auch andere aktuelle Erhebungen zeigen, dass das Problembewusstsein für Desinformationen in der Bevölkerung hoch ist: In einer Studie der Initiative Reset und des Meinungsforschungsinstituts Pollytix gaben 63 Prozent der Befragten an, dass ihnen Desinformationen im Netz häufig oder sehr häufig begegnen. 85 Prozent der Befragten hielten Desinformationen für ein großes oder sehr großes Problem für unsere Gesellschaft. 

Mit Bezug auf die anstehende Bundestagswahl erwartet Prof. Dr. Andreas Jungherr, Inhaber des Lehrstuhls für Politikwissenschaft, insbesondere Steuerung innovativer und komplexer technischer Systeme an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, allerdings keine Massenwirkung von Desinformationen, wie sie in der Berichterstattung teilweise vermutet wird: „Es gibt zur Verbreitung von Desinformationen nur wenige Studien, die meisten davon im Kontext der US-Wahl 2016. Diese Studien zeigen, dass digitale Desinformationen insgesamt nur ein relativ kleines Publikum direkt erreicht haben.” Er warnt davor, das Phänomen medial aufzubauschen und so Verunsicherung zu schüren.

„Unter Desinformationen versteht man falsche Informationen, die intentional, also wissentlich, verbreitet werden.”

Prof. Dr. Nicole Krämer, Universität Duisburg-Essen

In der andauernden gesellschaftlichen Diskussion um Falsch- und Desinformationen werden die beiden Begriffe oft gleichbedeutend verwendet. Dabei ist nicht jede Falschinformation per Definition auch eine Desinformation. „Unter Desinformationen versteht man falsche Informationen, die intentional, also wissentlich, verbreitet werden”, sagt Prof. Dr. Nicole Krämer, Leiterin des Fachgebiets Sozialpsychologie an der Universität Duisburg-Essen. Hinter der Verbreitung von Desinformationen steckt also ein Motiv – zum Beispiel demokratische Prozesse zu stören – während Falschinformationen auch versehentlich in die Welt gesetzt werden können. Für die Wirkung von Falsch- und Desinformationen ist die dahinterstehende Intention in der Regel allerdings irrelevant. 

In der bereits erwähnten Studie von Reset und Pollytix wurden Desinformationen von den Teilnehmenden vor allem als Problem für die anderen wahrgenommen: 74 Prozent der Befragten trauten sich selbst zu, Falschinformationen richtig zu identifizieren. Ob tatsächlich so viele Menschen gegen Falschinformationen immun sind, ist wissenschaftlich nicht erforscht. Aber es gibt Erkenntnisse dazu, wann wir anfälliger für Desinformationen sind. Das ist unter anderem der Fall, wenn die Inhalte unseren eigenen Voreinstellungen entsprechen. „Unsere Forschungsergebnisse zeigen sehr eindeutig, dass man das gerne glaubt, was mit der eigenen Meinung im Großen und Ganzen übereinstimmt”, so Krämer. 

Aber nicht nur auf die Inhalte, auch auf die Absender*innen kommt es an. „Aus der Wirkungsforschung und Kommunikationspsychologie wissen wir, dass Informationen, die aus vertrauenswürdigen Quellen oder von vertrauenswürdigen Sprecher*innen kommen, besonders überzeugend wirken”, sagt Andreas Jungherr. Als vertrauenswürdig werden Jungherr zufolge insbesondere mit der eigenen gesellschaftlichen oder politischen Gruppe assoziierte Sprecher*innen und Quellen oder Autoritätspersonen wie Ärzt*innen und Professor*innen wahrgenommen.

„Personen, die gerne länger über etwas nachdenken, glauben Desinformationen seltener, weil sie sie eher hinterfragen und überprüfen.”

Prof. Dr. Nicole Krämer, Universität Duisburg-Essen

Außerdem spielt es eine Rolle, ob wir die Desinformation nur einmal oder mehrfach sehen: „Dinge, die wir häufiger sehen, kommen uns wahrer vor. Das heißt die reine Häufigkeit der Konfrontation bestimmt, wie glaubwürdig wir etwas finden”, sagt Nicole Krämer. Weniger anfällig für Desinformationen sind laut der Psychologin vor allem Menschen mit einer hohen sogenannten need for cognition. „Personen, die gerne länger über etwas nachdenken, glauben Desinformationen seltener, weil sie sie eher hinterfragen und überprüfen. Dabei muss die need for cognition nicht unbedingt mit dem Bildungsgrad zusammenhängen”, so die Professorin. 

Zu einem gesellschaftlichen Problem werden Desinformationen insbesondere, wenn sie zu Polarisierung und Radikalisierung beitragen. „Wenn Desinformationen die verschiedenen Gruppierungen der Bevölkerung weiter auseinander bringen, indem sie die Sichtweisen einer Gruppe zu einer extremen Position bestärken, wirkt das direkt auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt”, sagt Krämer. Ebenfalls könnten Anhänger*innen bestimmter Parteien durch Desinformationen bestärkt werden und sich weiter vom Mainstream abwenden und radikalisieren. 

„Es schwirren im Kontext der Bundestagswahl Desinformationen umher und es wird versucht, Einfluss zu nehmen, aber ich glaube, dieser ist geringer, als es im Diskurs erscheint.”

Prof. Dr. Andreas Jungherr, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Das Netzwerk Avaaz hat Desinformationen im Vorfeld der Bundestagswahl anhand von Daten der Faktencheck-Redaktionen der Deutschen Presse-Agentur, der Nachrichtenagentur AFP und des Recherchezentrums Correctiv aus dem Jahr 2021 untersucht. Laut der Analyse ist Annalena Baerbock unter den Kanzlerkandidat*innen das Hauptziel von Desinformationen. 71 Prozent der untersuchten Desinformations-Narrative entfielen auf die grüne Kandidatin. „Es schwirren im Kontext der Bundestagswahl Desinformationen umher und es wird versucht, Einfluss zu nehmen, aber ich glaube, dieser ist geringer, als es im Diskurs erscheint”, sagt Jungherr.

Kampagnen wie die der Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die Baerbock als Moses-Figur mit den zehn angeblichen grünen Verboten zeigten, wertet Jungherr nicht als Desinformationen: „Das ist in meinen Augen Teil zugespitzter und sicherlich kontroverser Kampagnenführung, aber keine gezielte Desinformation. Solange klar ist, wem eine Aussage zuzuschreiben ist, und man den Absender oder die Absenderin argumentativ herausfordern kann, gehört das zur politischen Kommunikation dazu.” Er warnt davor, das Label Desinformation zu beliebig zu verwenden: „Ich halte es für falsch, von einer Epidemie der Desinformation zu sprechen, ohne tatsächlich zu wissen, wie weit das Phänomen verbreitet ist. Durch einen solchen Diskurs laufen wir Gefahr, politische Entscheidungen zu delegitimieren.”

Unabhängig davon, wie groß oder klein der Einfluss von Desinformationen auf die Bundestagswahl ist, stellt sich die Frage nach dem adäquaten Umgang mit ihnen. Denn das Tückische an Desinformationen ist, dass sie sich, einmal im Gedächtnis festgesetzt, nur schwer korrigieren lassen. „Der sogenannte Falschinformationseffekt beschreibt, dass Falschinformationen sehr schnell in bestehende Gedächtniskonstrukte integriert werden. Selbst wenn die Falschinformation glaubwürdig berichtigt wird, ist sie schon so fest verankert, dass sie durch die Korrektur nicht überschrieben wird”, sagt Psychologin Nicole Krämer. Vor diesem Hintergrund könne es hilfreich sein, wenn die Nachricht mit einem Hinweis darauf versehen ist, dass man sie kritisch hinterfragen sollte. 

„Die digitalen Plattformen haben eine große gesellschaftliche Verantwortung, der sie zur Zeit noch nicht gut nachkommen.“

Prof. Dr. Andreas Jungherr, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

In den Sozialen Medien ist dies zum Teil schon der Fall. Der Messengerdienst WhatsApp beispielsweise, versieht besonders häufig weitergeleitete Nachrichten mit einer entsprechenden Beschriftung. Bei Twitter gibt es bei Posts, die begründeten Anlass zu Zweifel geben, Disclaimer, die dazu anregen sollen, die Information selbst zu überprüfen. Teilweise löschen die Netzwerke falsche Behauptungen auch. Andreas Jungherr ist mit den Bemühungen der Unternehmen allerdings nicht zufrieden: „Die digitalen Plattformen haben eine große gesellschaftliche Verantwortung, der sie zur Zeit noch nicht gut nachkommen. Ich sehe es als ihre primäre Aufgabe, Transparenz zu erzeugen und darüber aufzuklären, welche Informationen welches Publikum erreicht und wer welche Werbung schaltet.” Der Wissenschaftler sieht Twitter und Co. hingegen nicht in der Rolle, selbst in politische Kommunikation einzugreifen: „Das ist die Aufgabe der Gesellschaft und des gesellschaftlichen Diskurses und nicht eines Unternehmens, das weit entfernt im Silicon Valley sitzt.”

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