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Die Macht der Meinungsforschung

Wie Umfragen unser Wahlverhalten beeinflussen

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Die Meinungsforschung ist in die Kritik geraten. Bemängelt wird, dass sich die Demoskopen bisher nicht gut genug auf aktuelle Herausforderungen eingestellt hätten – etwa auf die wachsende politische Vielfalt und eine diffusere Positionierung von Kandidaten. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung kommt es häufiger als noch vor einigen Jahren zu falschen Prognosen. Doch weshalb ist es problematisch, wenn Umfragen das Stimmungsbild innerhalb der Bevölkerung nur unzureichend abbilden?

Ersichtlich ist, dass Umfragen potenziell auch die Wählerschaft beeinflussen können. „In der Bevölkerung kann man drei Effekte beobachten“, sagt Prof. Dr. Rüdiger Schmitt-Beck von der Universität Mannheim: „Diese sind sicherlich eher klein und treten auch nicht bei jeder Wahl oder als Reaktion auf jede Umfrage auf, aber sie können eben auftreten.” Den ersten bezeichne man als den “Selbstverstärkungseffekt”, den zweiten als “Mobilisierungsphänomen” und den dritten als “Strategisches Wählen“.

Der Selbstverstärkungseffekt beruht auf der Tendenz, dass Menschen gerne auf der Seite der Sieger stehen. Frei nach dem Motto: Erfolg gebiert neuen Erfolg. Das Mobilisierungsphänomen steht quasi im Gegensatz dazu. Hier profitieren in den Umfragen schwächelnde Parteien davon, dass ihre Wähler sich durch die schlechte Prognose zusätzlich motiviert fühlen wählen zu gehen, um ihre Partei zu unterstützen. „Es gibt Studien, die diesen Effekt zeigen“, sagt Holger Geißler, Wahlforschungsexperte und Geschäftsführer von marktforschung.de: „Wenn ich also eine Umfrage mache und es da beispielsweise heißt ‚Die Grünen kommen nicht in den Landtag’ und diese Schlagzeile dann medial aufgegriffen wird, dann kann das schon Wähler mobilisieren und dazu anregen, zur Wahl zu gehen und ihre Stimme für die Grünen abzugeben.“

Beim sogenannten strategischen Wählen – oft auch taktisches Wählen genannt – geht es dagegen eher um die Frage, wie man seine Stimme am besten einsetzen kann, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Der Wähler macht sich also Gedanken über präferierte Ergebnisse und kalkuliert die Koalitionspolitik bereits mit ein. „Um das machen zu können, muss man nicht nur eine Vorstellung davon haben, welche Parteien überhaupt koalieren würden, sondern zudem auch eine Vorstellung, wie stark die Parteien wahrscheinlich werden und welche Optionen sich daraus ergeben“, sagt Schmitt-Beck. „Und auch da sind natürlich Umfragen eine wichtige Größe, die in das Kalkül mit einfließt.“

„Man betreibt die Wahlforschung ja, um eine Stimmung einzufangen. Dann wird darüber geschrieben und mit dem was ich heraus gebe, beeinflusse ich natürlich die Wirklichkeit.“

Holger Geißler, marktforschung.de

Auch wenn die tatsächliche Wirkung von Umfragen empirisch schwer zu belegen ist, sind sich die Experten weitestgehend einig, dass eine Beeinflussung stattfinden kann. „Es ist aber nicht so klar zu belegen, ob es jedes Mal diese Auswirkungen hat“, formuliert es Holger Geißler: „Aber man betreibt die Wahlforschung ja, um eine Stimmung einzufangen. Dann wird darüber geschrieben und mit dem was ich heraus gebe, beeinflusse ich natürlich die Wirklichkeit, vor allem wenn es durch die Massenmedien verbreitet wird. Dessen muss man sich bewusst sein und entsprechend sauber arbeiten.“

Dieser Artikel basiert auf einem früheren Debatte-Artikel, der von uns aktualisiert und gekürzt wurde.

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