Foto: Alexander Gerst

„Ich hoffe, dass die nächste Raumstation auf dem Mond sein wird“

Ein Gespräch mit Berti Meisinger

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Als Mission Director bei der European Space Agency (ESA) planen, koordinieren und begleiten Sie die Einsätze europäischer Astronaut*innen auf der internationalen Raumstation ISS. Was fasziniert Sie an diesem Beruf?

Mich hat es schon immer fasziniert, dass dort draußen so viel ist, was man noch nicht weiß und was man erforschen kann. Bereits als in den siebziger Jahren die Voyager-Sonden gestartet sind, war ich begeistert von dem, was man durch diese sehen konnte. Außerdem hat man vom Weltall aus einen anderen Blickwinkel auf die Welt und sieht Sachen, die man sonst nicht so sieht. Zwar bin ich keine Wissenschaftlerin, die selbst Experimente durchführt, aber ich kann viele spannende Experimente im Rahmen meines Jobs unterstützen.

Dass ich nur fünf Kilometer vom Kontrollzentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen entfernt wohne und auch aufgewachsen bin, hat sein Übriges dazu beigetragen, dass ich diesen Berufsweg gewählt habe.

Betreuen Sie aktuell einen Astronauten oder eine Astronautin im Weltall?

Momentan befinden wir uns noch in der Planungsphase für die nächste ISS-Mission, die im Frühjahr 2021 mit dem französischen Astronauten Thomas Pesquet starten soll. Wir haben immer ein Jahr Vorbereitungszeit, bevor die halbjährigen Missionen beginnen.

„Biologische Experimente haben beispielsweise nur eine gewisse Lebensdauer und müssen daher gut getaktet werden. Die Materialwissenschaften sind da wiederum flexibler, müssen aber dennoch zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein. Das ist ein bisschen wie ein Puzzle.“

Was sind Ihre Aufgaben während einer Mission?

Ich bin für das Management zuständig und schaue, dass alles zusammenpasst. Dafür muss ich vor allem den Überblick behalten und mich mit allem ein bisschen auskennen. Biologische Experimente haben beispielsweise nur eine gewisse Lebensdauer und müssen daher gut getaktet werden. Die Materialwissenschaften sind da wiederum flexibler, müssen aber dennoch zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein. Das ist ein bisschen wie ein Puzzle, das man zusammensetzen muss, aber es macht mir Spaß, mich immer wieder in neue Bereiche einzuarbeiten.

Wie kann man sich Ihre typische Arbeitswoche in dieser Zeit vorstellen?

Ich habe zahlreiche Konferenzen und Meetings. Jeden Montag gibt es eine Konferenz mit den europäischen Teams, am Montagnachmittag gibt es ein Treffen mit den NASA-Chefs der ISS und dann einen Statusbericht mit allen internationalen Partnern. Dienstag treffen sich wiederum die europäischen Planungsteams. Außerdem habe ich jeden Tag ein Meeting mit dem Flugdirektor, der für den Kontrollraum zuständig ist. Und einmal in der Woche machen wir eine Schaltung zur ISS, um mit den europäischen Astronauten zu reden. Wenn es größere Anomalien gibt, muss ich auch bei den Besprechungen dazu dabei sein.

Am Wochenende ist es etwas ruhiger, denn die Astronaut*innen haben dann auch mehr oder weniger frei. Samstags müssen sie jedoch sauber machen, zum Beispiel Luftfilter von Staub befreien und Sachen abwischen. Alexander Gerst hat an dem Tag auch öfters Videos für Kinder gemacht. Sportübungen stehen für die Astronaut*innen jeden Tag auf dem Plan, damit sich ihre Muskeln in der Schwerelosigkeit nicht abbauen.

Alles in allem ist das eine arbeitsintensive Zeit und die Wochen sind sehr durchgetaktet. Im Kopf bin ich immer dabei. Und bevor ich ins Bett gehe, schaue ich immer nochmal in meine E-Mails, darüber kann ich gut mit den Astronaut*innen kommunizieren. Alexander Gerst hat mich allerdings auch öfters mal angerufen.

Wie viele Personen sind an einer ISS-Mission beteiligt?

Das lässt sich schwer beziffern. Allein für die europäischen Experimente gibt es kleinere Kontrollzentren in Spanien, Frankreich, Belgien, Schweiz und Köln. Dann gibt es noch die Unterstützungszentren der Ingenieur*innen in Bremen und in Turin. Mein Chef sitzt in einem ESA-Zentrum in den Niederlanden. Zudem gibt es viele verzweigte Teams von Wissenschaftler*innen, die die Experimente geplant haben. Dazu hat jede*r europäische Astronaut*in beispielsweise einen eigenen betreuenden Arzt. Das sind also noch längst nicht alle Beteiligten.

„Ich finde es faszinierend, mit so vielen Nationen und Mentalitäten zusammenzuarbeiten und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Man muss immer schauen, dass man Probleme gemeinsam löst.“

Was ist für Sie der schönste Teil Ihrer Arbeit?

Ich finde es faszinierend, mit so vielen Nationen und Mentalitäten zusammenzuarbeiten und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Man muss immer schauen, dass man Probleme gemeinsam löst. Dabei gibt es natürlich auch mal Spannungen, aber am Ende steht immer die Sache im Mittelpunkt und wir finden wieder zusammen.

Wie haben sich ISS-Missionen im Laufe der Jahre geändert?

Eine große Veränderung gab es, als 2011 das Space Shuttle ausgemustert wurde. Danach flog lange nur die russische Sojuskapsel zur ISS und es konnten weniger Astronaut*innen gleichzeitig an einer Mission teilnehmen. Wenn man nur drei Astronaut*innen hat, geht es um jede Minute, in die man Experimente einschieben kann. Dieses Jahr ist erstmals ein Raumschiff der amerikanischen Firma SpaceX zur ISS geflogen, damit hat eine neue Ära begonnen. Jetzt können wieder mehr Astronaut*innen gleichzeitig starten und wir hoffen, dass wir dadurch mehr Experimente machen können. Allerdings braucht man auch Lösungen für zusätzliche Versorgung, mehr Wasser und Sauerstoff und auch die Einteilung der Fitnessgeräte – es gibt momentan nur drei – wird komplizierter.

Dieses Jahr hat sich aber durch Corona vor allem einiges für uns am Boden geändert. Es musste überlegt werden, wie man die Schichten im Kontrollraum aufteilt und wer an welche Konsole muss. Alle die hierfür nicht nötig waren, mussten auch bei uns ins Homeoffice.

„Ich glaube, dass die staatliche Weltraumforschung zunehmend industrialisiert werden wird, oder zumindest die Zusammenarbeit mit der Industrie stärker wird.“

Welche Veränderungen erwarten Sie bei den Missionen in der Zukunft?

Ich glaube, dass die staatliche Weltraumforschung zunehmend industrialisiert werden wird, oder zumindest die Zusammenarbeit mit der Industrie stärker wird, so wie das ja bereits mit SpaceX der Fall ist. Ansonsten gibt es bereits Ideen für weitere Stationen. Ich hoffe ja, dass eine auf dem Mond sein wird, das fände ich spannend. Ich selbst werde daran jedoch nicht mehr beteiligt sein, 2021 wird meine letzte Mission sein.

Zur Person

Die Raumfahrtingenieurin Berti Brigitte Meisinger ist seit 2007 Mission Director bei der European Space Agency (ESA) und koordiniert vom DLR-Kontrollzentrum aus in Oberpfaffenhofen bei München ISS-Missionen. Ihre erste Mission hat sie 2008 betreut, als die ESA das Forschungsmodul „Columbus“ zur ISS schickte und dort andockte. Zuvor war sie als Ingenieurin unter anderem am Aufbau eines Kontrollzentrums in Argentinien beteiligt. In den Medien liest man von ihr oft als „rechte Hand“ des Astronauten Alexander Gerst, an den sie auch mal anstatt auf Englisch auf Bayrisch ins All kommunizierte.

Foto: privat

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