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„Stadtentwicklung und Klimafolgenanpassungen lassen sich oftmals gar nicht voneinander trennen“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal

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Welcher Problematik sind Städte wie Wuppertal mit Blick auf den fortschreitenden Klimawandel ausgesetzt?

Jede Stadt hat mit Blick auf Klimafolgen und die Klimastrategie Besonderheiten aufgrund ihrer topographischen Lage und dem Stadt-Layout. Wuppertal liegt in einem Talkessel, durch den die Wupper fließt. Daher waren in den letzten Jahren in Wuppertal vor allem die Starkregenereignisse problematisch. Beim Hochwasserereignis im Juli dieses Jahres wurde deutlich, dass die Talsperren-Regulation des Wuppertals bei solchen Jahrhundert-Hochwassern an ihre Grenzen kommt. Zudem war wie schon beim lokalen Starkregenereignis im Mai 2018 das Kanalnetz durch die ins Tal strömenden Wassermengen bei fehlender Abflussmöglichkeit sehr stark überfordert.  Beim Ereignis in diesem Sommer sind allein an städtischen Gebäuden Schäden in Höhe von etwa 60 Millionen Euro entstanden, die Schäden an privaten Gebäuden gehen noch weit darüber hinaus. In den Hitzesommern 2018 bis 2020 litt Wuppertal zudem wie andere Städte auch unter Hitzeinseln mit allen damit verbundenen Gesundheitswirkungen insbesondere für ältere Bewohnerinnen und Bewohner.

„Stadtentwicklung und Klimafolgenanpassungen lassen sich oftmals gar nicht voneinander trennen.“

Welche erwartbaren Kosten kommen auf eine Stadt wie Wuppertal durch den Klimawandel und Extremwetterereignisse in den kommenden Jahren zu?

Eine genaue Kostenhöhe lässt sich gar nicht so einfach beziffern. Denn zum einen sind die konkreten Kosten für Schäden des Klimawandels schwer zu bemessen, zum anderen besteht eine Schwierigkeit darin, mögliche Infrastrukturkosten ausschließlich der Klimaanpassung zuzuschreiben. Der Ausbau der Stadtentwässerung oder Überlegungen in Bezug auf das Schwammstadt-Konzept dienen nicht ausschließlich der Abminderung von möglichen Schäden von Starkwetterereignissen, sondern sind auch aus anderen Gründen geboten. Stadtentwicklung und Klimafolgenanpassungen lassen sich oftmals gar nicht voneinander trennen. Dazu muss man sehen, dass aktiver Klimaschutz nicht nur aus Investitionskosten besteht, sondern auch gerade bedeuten kann auf bestimmte Investitionen zu verzichten – beispielsweise bei der Bebauung bisher unversiegelter Flächen.

Welche ganz konkreten Maßnahmen gegen Überflutung oder Hitzewellen können helfen, mögliche Schäden einzudämmen?

Um besser vor Extremwetterereignissen geschützt zu sein, braucht es neben technischen Schutzmaßnahmen vor allem die Bereitschaft zu einer innerstädtischen und insbesondere überregionalen klimasensiblen Flächenentwicklung. Für den unmittelbaren Katastrophenschutz sind Aktionspläne für Hitzewellen oder Starkregen wichtig, damit die konkreten Schäden im Falle eines solchen Ereignisses minimiert werden können.

Inwieweit werden Städte und Gemeinden im Kampf gegen Klimawandelfolgeschäden von Land und Bund unterstützt?

Viele der Klimaanpassungsmaßnahmen lassen sich gar nicht rein lokal umsetzen. Wenn wir beispielsweise auf die Wupper schauen, dann geht es hier um das überregionale Management eines großen Flusseinzugsgebietes, das durch Wasser- und Talsperrenverbände geregelt wird. Diese unterliegen unmittelbar Landesrahmenbedingungen. Ein sinnvoller Schutz vor Hochwasser lässt sich also nur mit den umliegenden Gemeinden und gemeinsam koordinierten Maßnahmen erreichen. In Wuppertal haben wir eine Plattform geschaffen, wo Strategien für eine hochwasser-resiliente Stadt geschaffen werden. Auch von Länder- und Bundesseite gibt es konkrete Unterstützung für mögliche Anpassungsmaßnahmen. Das Ziel der Klimaneutralität selber kann nur mit Unterstützung aller politischen Ebenen geschafft werden. Wuppertal hat sich hier ambitionierte Ziele gesetzt und möchte bereits bis 2035 klimaneutral werden – dafür braucht es aber eine stringente politische Ausrichtung von der EU über den Bund und das Land Nordrhein-Westfalen bis zur Unterstützung der Bürgerinnen und Bürgern, denn eine Stadt kann das nicht alleine schaffen.

Viele der Klimaphänomene und die Zusammenhänge sind seit über 30 Jahren schon wissenschaftlich gut beschrieben und erfasst, doch das allein reicht nicht, um zum konkreten Klimaschutz zu kommen oder den Klimawandel maßgeblich aufzuhalten – dafür braucht es den politischen Willen zur Umsetzung und Gestaltung.

Inwieweit helfen Ihnen die Erfahrungen als ehemaliger Geschäftsführer des Wuppertal Instituts bei der Bewältigung von klimawandelimmanenten Herausforderungen oder der Implementierung klimaschutzrelevanter Maßnahmen?

Das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie beschäftigt sich seit jeher mit Fragen des Umwelt- und Klimaschutzes. Viele der Klimaphänomene und die Zusammenhänge sind seit über 30 Jahren schon wissenschaftlich gut beschrieben und erfasst, doch das allein reicht nicht, um zum konkreten Klimaschutz zu kommen oder den Klimawandel maßgeblich aufzuhalten – dafür braucht es den politischen Willen zur Umsetzung und Gestaltung. Durch meine lange Tätigkeit am Wuppertal Institut habe ich einen guten Überblick über Best-Practices aus anderen Städten und Regionen und über grundsätzliche Handlungsmöglichkeiten. Doch die eigentliche Herausforderung ist die konkrete Umsetzung vor Ort.

Wie bewerten Sie als Wissenschaftler die gesellschaftliche Diskussion um Klimawandelfolgekosten? Sind diese ausreichend thematisiert und in dem Ausmaß auch bekannt?

In den letzten Jahren und spätestens mit dem Entstehen der Fridays-for-Future-Bewegung ist das Thema in der öffentlichen Diskussion deutlich angekommen und auch die Konsequenzen eines Nichthandelns werden jedem Einzelnen regelmäßig aufgezeigt. Die Sensibilisierung für und das Reden über den Klimawandel ist also nicht das Problem. Allerdings sichert das Wissen um die Phänomene noch nicht die umfassende Bereitschaft zu den damit verbundenen massiven Investitionen und den notwendigen Veränderungen von täglichen Routinen und Handlungsweisen. Hier braucht es vielfältige Beispiele des Gelingens – von der Initiierung großer Investitionsprogramme einer neuen Bundesregierung bis zu vielen konkreten Umsetzungsbeispielen vor Ort, die Lust zur Nachahmung machen.

In wenigen Tagen beginnt die UN-Klimakonferenz in Glasgow. Welche Erwartungen haben Sie aus der Perspektive als Oberbürgermeister und Wissenschaftler an die Konferenz?

Zentral ist, dass am Ende der Konferenz das starke Signal eines Commitments zu verbindlichen Zielen und Umsetzungsstrategien der Staaten steht. Denn der Klimawandel verlangt es, dass zügig und entschlossen von der gesamten Staatengemeinschaft reagiert wird. Im letzten Jahr lag der Fokus in der Betrachtung globaler Probleme sehr stark auf der Eindämmung der Corona-Pandemie – das ist sehr verständlich und hat viel Anstrengung erfordert. Jetzt ist es entscheidend, dass nun die Bekämpfung der Klimakrise wieder in den Vordergrund rückt.

Zur Person

Prof. Dr. Uwe Schneidewind ist seit dem 1. November 2020 Oberbürgermeister von Wuppertal. Zuvor war er Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie.

Foto: Stadt Wuppertal

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