„Medien können mit ihrer Berichterstattung die öffentliche Meinung beeinflussen“

Foto: Christian Kehls

Ein Gespräch mit Björn Klein

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Welche Rolle spielen Medien bei der Veröffentlichung von Umfrageergebnissen?

Medien spielen bei der Veröffentlichung von Umfrageergebnissen eine zentrale Rolle. Sie sind der Vermittler zwischen den Meinungsforschungsinstituten mit ihren Umfrageergebnissen und den Bürgerinnen und Bürgern. Deswegen muss man sich ihre Rolle sehr genau ansehen.

Aus verschiedenen Studien weiß man, dass die Berichterstattung über Umfragen seit einigen Jahren deutlich zugenommen hat. Zum Einen kann man aus einer langfristigen Perspektive erkennen, dass die Anzahl an Beiträgen mit Bezug zu Umfrageergebnissen größer wird. Zum Anderen lässt sich beobachten, dass auch das Stakkato von Umfrageberichterstattung mit näher rückenden Wahlterminen zunimmt. Parallel dazu hat auch die Wahrnehmung von Umfrageergebnissen durch die Rezipienten zugenommen. Ein sehr großer Teil der Wählerinnen und Wähler kommt also vor der Wahl mit Wahlumfragen in Kontakt.

„Erst in jüngster Zeit gehen Massenmedien dazu über, auch ihre eigene Rolle kritisch zu hinterfragen.“

Das ist ja vor der Wahl, wie sieht es denn im Nachgang aus? Kommunizieren die Medien auch, ob Umfragen richtig oder falsch waren?

Das hat sich verändert. Die massenmediale Reflexion von Vorwahlumfragen beispielsweise ist eine Entwicklung, die noch nicht sehr lange andauert. Lange Zeit war die Reaktion von Massenmedien auf die Unterschiede zwischen Vorwahlumfragen und Wahlergebnis eine Schuldzuweisung an die Meinungsforschungsinstitute. Der Vorwurf hier war meist, dass die Ergebnisse falsch waren. Erst in jüngster Zeit gehen Massenmedien dazu über, auch ihre eigene Rolle kritisch zu hinterfragen. Im Vorfeld der im September anstehenden Bundestagswahl kann man teilweise sehr gut beobachten, dass Massenmedien ihren Umgang mit Umfrageergebnissen hinterfragen und dann den konkreten Umgang auch an die Rezipienten kommunizieren.

Wie wird in den Medien über scheinbar fehlerhafte Umfragen berichtet?

Lange Zeit haben fehlerhafte Prognosen dazu geführt, dass die Meinungsforschungsinstitute im Anschluss der Wahl in der Kritik standen. Das ist aber kein neues Phänomen. So titelte beispielsweise die Welt nach der Bundestagswahl 2005: „Debakel der Demoskopen“. Mittlerweile werden Medien selbstkritischer und fragen sich, welche Rolle sie selbst dabei gespielt haben.

Das tut dem Prognosewahn aber keinen Abbruch. Im Gegenteil. Im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 führte dieser Wahn dazu, dass man mit dem selbst auferlegten Paradigma brach, kurz vor der Wahl keine Umfrageergebnisse mehr zu berichten. Das ZDF, die BILD, aber auch andere Medien haben wenige Tage vor der Wahl bzw. am Wahltag selbst noch über die letzten Umfrageergebnisse berichtet. Die Diskussion über das Berichterstattungsverbot ist so alt wie moderne Umfragen und basiert auf der Annahme, dass Wählerinnen und Wähler von Umfragen in ihrem Wahlverhalten beeinflusst werden.

„Aus einer normativen Perspektive betrachtet ist es aber möglicherweise sogar wünschenswert, dass politische Akteure auf Umfragen reagieren.“

Inwieweit beeinflussen Berichte über Umfragen denn Wählerinnen und Wähler?

Man kann nicht pauschal sagen, dass Wählerinnen und Wähler von Umfrageergebnissen in ihrem Wahlverhalten beeinflusst werden. In der empirischen Wahlforschung gibt es aber eine Reihe an hochplausbilen Thesen, wie Umfragen das Wahlverhalten der Wählerinnen und Wähler potentiell beeinflussen könnten. Eine der bekanntesten These ist hier die Bandwagon-These, die aussagt, dass Wählerinnen und Wähler auf Basis der Kenntnis von Umfrageergebnissen den in den Umfragen vorne liegenden politischen Akteur wählen. Der empirische Forschungsstand sagt uns aber etwas ganz anderes, nämlich dass es diesen Einfluss in dieser Klarheit nicht gibt. Möglicherweise sind wir aktuell noch nicht in der Lage, den Einfluss von Umfragen auf Wählerinnen und Wähler zu messen oder aber es gibt ihn überhaupt nicht. Das gilt zumindest für die breite Masse. Bei einer speziellen Wählergruppe, den taktischen Wählern, wissen wir, dass es diesen Einfluss ganz klar gibt.

Inwieweit wirken Berichte über Umfragen auf Politiker und ihre Entscheidungen?

Über den Einfluss von Umfragen auf Politikerinnen und Politiker wissen wir aktuell nicht sehr viel. Aus einer normativen Perspektive betrachtet ist es aber möglicherweise sogar wünschenswert, dass politische Akteure auf Umfragen reagieren. Denn dies könnte die Rückkopplung an die Wahlbevölkerung besser gewährleisten, also die Responsivität zwischen politischen Akteuren und Wahlbevölkerung verbessern. Aber gerade im Wahlkampf zeigen sich immer wieder Zeichen, die zeigen, dass auch politische Akteure ganz genau beobachten, was in den Umfragen passiert.

Und inwiefern können Medien selbst Umfragen beeinflussen?

Aus der Forschung haben wir dazu klare Überlegungen und Ergebnisse: Eine solche Beeinflussung hat sich zuletzt Anfang 2017 beim sogenannten “Schulz-Effekt” gezeigt. Nach der Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten wurde viel über ihn und die SPD berichtet. Die unmittelbar danach durchgeführten Umfragen sahen dann einen steilen Aufstieg von Martin Schulz und der SPD in der Wählergunst. Dieser Aufstieg kam tatsächlich nicht zuletzt durch die intensive Medienberichterstattung über den Kandidaten zustande. Aber als der Medienhype sich beruhigt hatte, sanken die Umfragewerte wieder. Medien können mit ihrer Berichterstattung also die öffentliche Meinung durchaus beeinflussen und damit auch Einfluss auf Umfrageergebnisse haben. Für dieses Phänomen gibt es in der Forschung eine Reihe von Theorien und belastbaren empirischen Ergebnissen.

Zur Person

Björn Klein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit der Frage nach den Umfrageeffekten auf Journalisten und analysiert dazu die Berichterstattung der Bundestagswahlen 2009 und 2013.

Foto: Christian Kehls

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