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Green Nudging – Ein Weg zu mehr Klimaschutz?

Grüne Nudging-Methoden könnten zu klimafreundlicher Verhaltensänderung beitragen – doch der Ansatz steht auch in der Kritik.

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Der Klimawandel stellt eine existenzielle Bedrohung für die Menschheit dar und ist unbestreitbar eine Konsequenz menschlichen Handelns. Längst ist klar, dass der hohe Ressourcenverbrauch und der Ausstoß von Treibhausgasen Haupttreiber für die globalen Klimaveränderungen sind. Fest steht: Eine Wende muss her. Maßgeblich von Bedeutung ist dabei der Umstieg auf regenerative Energiesysteme. Doch auch das individuelle Verhalten jedes und jeder Einzelnen kann einen Beitrag zur Senkung des Ressourcenverbrauchs und des Ausstoßes von Treibhausgasen leisten. Immer wieder richtet sich deshalb der Appell auch an Privatpersonen, mit einfachen Verhaltensänderungen zum Klimaschutz beizutragen. Viel diskutiert in diesem Zusammenhang ist das sogenannte Nudging – zu Deutsch das „sanfte Anstupsen”. Durch Nudging soll es Privatpersonen erleichtert werden, klimafreundliche Entscheidungen zu treffen. Auch Unternehmen nutzen diese Methode, um Verhaltensänderungen bei ihren Mitarbeitenden zu erzielen. Doch was genau steckt eigentlich hinter der Nudging-Methode und kann diese tatsächlich einen sinnvollen Beitrag zum Klimaschutz leisten? 

Der Begriff Nudging wurde 2008 durch die Veröffentlichung des Buches Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt von Cass Sunstein und Richard Thaler geprägt. Mit dem Ziel, Verhaltensänderungen im Sinne individueller und sozialer Wohlfahrt herbeizuführen, ist Nudging kurz gesagt eine Methode, mit der Verhalten durch eine gezielte Gestaltung der Entscheidungsumgebung gelenkt und vorhersagbar gemacht werden soll. Zentral ist dabei, dass Nudging ohne Zwänge und Verbote sowie finanzielle Anreize auskommt. Das gewünschte Verhalten wird zwar empfohlen, jedoch stehen andere Entscheidungsoptionen weiterhin zur Verfügung. 

Grundsätzlich lässt sich Nudging in verschiedenen Bereichen anwenden, in denen Menschen Entscheidungen treffen. Allerdings gewinnt die Methode auch im politischen Kontext immer mehr an Aufmerksamkeit. Großes Aufsehen erregte eine Stellenanzeige des Bundeskanzleramtes aus dem Jahr 2014, in der nach Psycholog*innen, Anthropolog*innen und Verhaltensökonom*innen gesucht wurde. Ziel der Schaffung dieser Stellen sollte die Einbindung verhaltensökonomischer Erkenntnisse in politische Steuerungsmechanismen sein. 

„Weit verbreitet sind Nudges im Bereich Energie. Das Spektrum der nachhaltigen Entscheidungen ist jedoch sehr breit. In unserem Projekt haben wir auch Nudges entwickelt und eingesetzt, um klimafreundliche Mobilität, nachhaltige Ernährung und ressourcenschonendes Verhalten zu fördern”

Marlene Münsch, ConPolicy – Institut für Verbraucherpolitik

Inwiefern könnte Nudging zur Förderung klimafreundlichen Verhaltens genutzt werden? Die Psychologin und Verhaltenswissenschaftlerin Marlene Münsch vom Forschungs- und Beratungsunternehmen ConPolicy – Institut für Verbraucherpolitik, forscht aktuell zur Umsetzung und Wirksamkeit sogenannter Green Nudges in Unternehmen, beispielsweise der Voreinstellung auf beidseitigen Druck bei Druckern, in einem durch die Nationale Klimaschutzinitiative (NKI) geförderten Projekt. Doch Anwendung finden Nudges auch in anderen Sektoren: „Weit verbreitet sind Nudges im Bereich Energie. Das Spektrum der nachhaltigen Entscheidungen ist jedoch sehr breit. In unserem Projekt haben wir auch Nudges entwickelt und eingesetzt, um klimafreundliche Mobilität, nachhaltige Ernährung und ressourcenschonendes Verhalten zu fördern”, so Münsch. 

Weitere Beispiele finden sich in einer umfassenden Zusammenstellung in einer Studie von ConPolicy für das Umweltbundesamt. Dort wird unter anderem auch der automatische Bezug von Ökostrom genannt. Gerade diese sogenannten Default-Nudges, also Nudges, die auf Voreinstellungen beruhen, gelten als besonders effektiv: „Viele Menschen bleiben eher beim Status quo, das heißt sie verändern aus Gründen der Bequemlichkeit oder mangels Zeit die Voreinstellung nicht. Diese Art von Nudge ist sowohl bei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen erfolgreich als auch über einen langen Zeitraum wirksam”, sagt Münsch. 

„Viele der Nudges, die in den Unternehmen eingesetzt wurden haben zu einer Verhaltensänderung der Mitarbeitenden und auch zu messbaren CO2-Reduktionen geführt.“ 

Marlene Münsch, ConPolicy – Institut für Verbraucherpolitik

Doch können diese Nudges tatsächlich einen sinnvollen Beitrag zum Klimaschutz leisten?

„Nudges sind sicherlich nicht das einzige Instrument, das es zu einer umfassenden Klimaschutzstrategie bedarf”, so Münsch. Dennoch ließen sich Nudges ergänzend zu anderen Instrumenten einsetzen und können diese sogar verstärken. Zur Wirkweise der Nudges in Unternehmen ließe sich aufgrund der methodischen Vielfältigkeit jedoch keine pauschale Aussage treffen. Dennoch meint Münsch, dass „viele der Nudges, die in den Unternehmen eingesetzt wurden zu einer Verhaltensänderung der Mitarbeitenden und auch zu messbaren CO2-Reduktionen geführt haben. Einige Maßnahmen sind vielversprechend und deren Wirkung sollte weiter untersucht werden.”

In dem Forschungsprojekt von ConPolicy wurden zunächst in einer Pilotphase in zehn Unternehmen unterschiedliche Nudges mit den Mitarbeitenden gemeinsam entwickelt und implementiert. Die Ergebnisse könnten als Grundlage für eine bundesweite Skalierung geeigneter grüner Nudging-Maßnahmen dienen. Beispielhaft für einen im Rahmen der Studie umgesetzten Nudge im Bereich nachhaltige Mobilität nennt Münsch ein Buchungssystem für Fahrzeuge, bei dem jene mit den geringsten CO2-Emissionen zu Beginn der Anordnung im Buchungssystem aufgeführt werden. Dies vereinfache die Wahl eines klimafreundlichen Verkehrsmittels, während weitere Fahrzeugoptionen weiterhin bestehen bleiben. 

Im Bereich der nachhaltigen Ernährung wurde ein Nudge gemeinsam mit den Mitarbeitenden eines Restaurants entwickelt, bei dem klimafreundliche Gerichte auf der Speisekarte optisch hervorgehoben und durch ein Label als klimafreundlich gekennzeichnet werden. Diese Ansätze funktionieren über eine gezielte Anordnung von Entscheidungsoptionen und die Sichtbarmachung von nachhaltigen Speisen im Restaurant.

„Um beispielsweise die Klimakrise oder die Biodiversitätskrise zu bewältigen, brauchen wir andere und nicht nur Nudging-Konzepte.“

Dr. Robert Lepenies, Helmholz-Zentrum für Umweltforschung

Dr. Robert Lepenies, Politikwissenschaftler am Department für Umweltpolitik des Helmholtz Zentrum für Umweltforschung äußert sich eher kritisch zum Potenzial von Green Nudges als angemessener Klimaschutzstrategie. Die Debatte sowohl zur Wirksamkeit als auch zur Verbreitung von Green Nudges hält er für stark übertrieben und auch stark geprägt von denjenigen, die solche Lösungskonzepte zu verkaufen versuchen. „Tatsächlich ist es doch so, dass viele gesellschaftlichen Probleme struktureller Lösungen bedürfen.” Lepenies kann sich zwar vorstellen, dass Nudges ein bisschen helfen. Aber um beispielsweise die Klimakrise oder die Biodiversitätskrise zu bewältigen, brauchen wir andere und nicht nur Nudging-Konzepte.”

Für Lepenies, der insbesondere zu Nudging als Politikinstrument forscht, steht außer Frage, dass der Umgang mit dem Klimawandel einer großen gesellschaftlichen Debatte bedarf. Durch technische Tricks ließen sich Krisen dieser Dimension jedoch nicht lösen. „Gerade bei der Nachhaltigkeitstransformation, die wir durchleben müssen, werden Nudges nicht allein die Antwort sein.“

Münsch hingegen sieht durchaus Vorteile von Nudging als ergänzende Maßnahme der Nachhaltigkeitsstrategie von Unternehmen, die sogar über die möglichen Klimaschutz Aspekte hinausgehen. Neben der CO2-Einsparung, betont sie, sei die Umsetzung von Nudges in Unternehmen auch ein kreativer Prozess, bei dem die Einbindung der Mitarbeitenden im Vordergrund stehe und somit auch die Akzeptanz der Maßnahmen frühzeitig mitgedacht werde. Zentraler Vorteil ist für Münsch auch, dass Nudging-Maßnahmen sehr einfach umzusetzen sind und für Unternehmen meist keine Verluste damit verbunden sind und somit zum Teil messbare CO2-Einsparungen durch sehr geringen Aufwand erreicht werden können. Es spräche folglich wenig gegen eine Umsetzung von Nudging-Maßnahmen.

„Man nudget nach unten und nicht nach oben, weil es einfacher ist.“

Dr. Robert Lepenies, Helmholz-Zentrum für Umweltforschung

Auch Lepenies meint, dass es viele gute Vorschläge für grüne Nudges gibt. Er kritisiert aber, dass Green Nudges als Politikinstrument lediglich zu marginalen Interventionen führen und die grundlegenden Fragen zu wenig diskutiert werden.  

Als problematisch sieht Lepenies außerdem die beim Nudging erfolgende Individualisierung und Abgabe der Verantwortung an Privatpersonen. Darüber hinaus kritisiert er, dass die meisten Nudges eher auf eine Verhaltensänderung bei tendenziell eher ärmeren und sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen abzielen: „Man nudget nach unten und nicht nach oben, weil es einfacher ist. Es gibt auch Beispiele, in denen Nudges in anderen Bereichen angewendet werden, aber im Grunde genommen ist Nudging ein Instrument, mit dem man versucht, die breite Masse zu nudgen und nicht starke Akteure zu Verhaltensänderungen zu bewegen.” Mit Blick auf den notwendigen Umbau der Energiesysteme, der viel größeren Impact hätte, sei dies besonders problematisch. Potenziale sieht Lepenies hingegen eher bei sozialen Bewegungen wie Fridays for Future, die gezeigt hätten, dass Nudges nicht die einzige Art seien, eine Verhaltensänderung hervorzurufen. Er ist der Ansicht: „zu denken, man könne eine Verhaltenstransformation von oben herab, und durch Wissenschaft designed steuern, leitet in die Irre.

Die Ergebnisse von Münsch lassen allerdings darauf schließen, dass Green Nudges im Unternehmenskontext durchaus eine sinnvolle Ergänzung der Nachhaltigkeitsstrategie darstellen können: „In der Forschung wurden immer wieder sogenannte Spillover-Effekte beobachtet. Wenn bestimmte nachhaltige Verhaltensweisen sich zu einer Routine entwickeln und Menschen es durch den Nudge am Arbeitsplatz gewöhnt sind, nachhaltige Entscheidungen zu treffen, dann kann sich das auch in den Privatbereich übertragen.”

Auch Lepenies räumt ein: „Es macht natürlich einen kleinen Unterschied, wenn jede Institution versucht kleine Schritte zu gehen und natürlich sind Verhaltensänderungen zu mehr Nachhaltigkeit sehr wichtig.“ Letztendlich kommt er aber zu dem Schluss: „Green Nudges alleine lenken von anderen wichtigen Gedanken ab. Es ist schön, dass über das ‚Green‘ geredet wird, aber über ‚Nudges‘ müssen wir in diesem Kontext nicht sprechen.”  

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