Foto: Pixabay/Frank Magdelyns

Zustimmen oder widersprechen?

Zur rechtlichen Dimension der Organspende in Deutschland

7 Kommentare
  • 0

Wir würden gerne erfahren, was Sie persönlich über Organspende denken und wie Ihnen die-debatte.org gefällt. Nehmen Sie hier an unserer 5-minütigen, anonymen Umfrage teil. Die Antworten werden von der Abteilung für Kommunikations- und Medienwissenschaften der TU Braunschweig in einem begleitenden Forschungsprojekt ausgewertet.

Die niederländische Regierung hat ja gesagt – ja zur Organspende und ja zur Widerspruchsregelung. Per Gesetzesänderung wurde der Wechsel von einer Zustimmungsregelung hin zu einer Widerspruchsregelung vom niederländischen Parlament am 13. Februar 2018 beschlossen. Ab 2020 wird nun jeder volljährige Niederländer grundsätzlich Organspender, es sei denn, er entscheidet sich noch zu Lebzeiten aktiv dagegen.

In Deutschland ist das anders. Hier herrscht seit der Reform des Transplantationsgesetzes 2012 die Entscheidungsregelung. Zuvor galt lange die Zustimmungsregelung. Der Unterschied: Heute legt das Transplantationsgesetz fest, dass die Krankenkassen ihre Versicherten regelmäßig über die Organspende informieren müssen und eine Entscheidungshilfe geben sollen. So soll die Spendenbereitschaft gesteigert werden und sich jeder aktiv mit dem Thema Organspende auseinandersetzen.

„Die Entscheidungsregelung funktioniert nicht. Man muss sich weder mit dem Thema ernsthaft auseinandersetzen, noch ist man gezwungen eine Entscheidung zu treffen.“

Prof. Dr. Paolo Fornara, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie

„Letztendlich ist es aber weiterhin die alte Zustimmungslösung, man hat ihr nur einen neuen Namen gegeben“, sagt Prof. Dr. Bruno Meiser, Leiter des Transplantationszentrum München und Präsident der Stiftung Eurotransplant. Denn wer nicht aktiv der Organspende einwilligt, spendet nicht. Prof. Dr. Paolo Fornara, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie, sieht die momentane Regelung ebenfalls kritisch: „Die Entscheidungsregelung funktioniert nicht. Man muss sich weder mit dem Thema ernsthaft auseinandersetzen, noch ist man gezwungen eine Entscheidung zu treffen.“

Das ist in den Niederlanden nun anders. Denn die Entscheidung, ob die Organe nach dem Tod gespendet werden, hat nun der Staat der Bevölkerung abgenommen. Vorausgegangen waren lange und kontroverse Diskussionen über die Widerspruchslösung sowohl in der Gesellschaft als auch in der Politik. Wie schwierig und kontrovers die Entscheidung war, zeigte sich bei der Abstimmung im Parlament, als der entsprechende Gesetzesentwurf mit einer sehr knappen Mehrheit von 38 zu 36 Stimmen angenommen wurde.

Auch in Deutschland wird die Einführung einer Widerspruchsregelung immer wieder von Experten, Politik und Gesellschaft diskutiert. Die Hoffnung: Würde man das Transplantationsgesetz hin zu einer Widerspruchslösung ändern, würde die Zahl der Spender erheblich steigen. Stehen doch repräsentativen Umfragen zufolge rund 80 Prozent der Bevölkerung ohnehin hinter der Idee der Organspende. „Die Widerspruchslösung kann eine legitime Lösung sein, um dem Bürger, der der Organspende grundsätzlich positiv gegenübersteht, in seiner Bequemlichkeit entgegenzukommen,“ sagt Prof. Dr. Silke Schicktanz vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universitätsmedizin Göttingen. „Das setzt aber voraus, dass die Bürger darüber informiert sind, dass sie Organspender sind, solange sie nicht dagegen widersprechen“, ergänzt sie.

„Der Staat greift permanent in unser Selbstbestimmungsrecht ein. Wenn man nicht Organspender sein möchte, legt man das im Vorhinein fest“

Prof. Dr. Bruno Meiser, Leiter des Transplantationszentrum München und Präsident der Stiftung Eurotransplant

Für Medizinethiker Prof. Dr. Dr. Jochen Vollmann von der Ruhr-Universität Bochum ist die Widerspruchsregelung keine Option, sie sei „ethisch problematisch, weil sie ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht jedes Einzelnen über den eigenen Körper ist.“ Jenes Selbstbestimmungsrecht, welches zur Freiheit des Einzelnen und als wichtiger Bestandteil der Menschenwürde zählt, genießt im Grundgesetz besonderen Schutz. Und es reicht nach Auslegung vieler auch über den Tod hinaus. „Eine Widerspruchsregelung wäre die Kapitulation vor der Idee einer aktiven und freiwilligen  Spende und käme einer staatlichen Bevormundung gleich“, sagt Vollmann.

Inwieweit die Widerspruchslösung aber Personen tatsächlich daran hindert frei und bewusst eine Entscheidung zu treffen, ist unter den Experten strittig. Immerhin kann auch bei einer Widerspruchsregelung jeder der Organentnahme bewusst und aktiv widersprechen. „Wenn man nicht Organspender sein möchte, legt man das im Vorhinein fest“, sagt Meiser. Ohnehin, so führt er weiter aus, „greift der Staat permanent in unser Selbstbestimmungsrecht ein – auch bei persönlichen Belangen wie dem Tod. Wer verstirbt, ist an die gesetzliche Erbschaftsregelung gebunden – es sei denn, man formuliert ein Testament. Gleiches gilt auch für die Widerspruchslösung.“

„In den allermeisten Ländern wissen viele Menschen nicht, wie die rechtliche Regelung zur Organspende ist – in diesem Fall ist die Widerspruchsregelung problematisch“

Prof. Dr. Silke Schicktanz, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in Göttingen

In der Diskussion über Selbstbestimmung und Widerspruchsregelung spielt auch die Auseinandersetzung der Bevölkerung mit der Thematik eine Rolle. „In den allermeisten Ländern wissen viele Menschen nicht, wie die rechtliche Regelung zur Organspende ist – in diesem Fall ist die Widerspruchsregelung problematisch. Wir brauchen aber ein sehr hohes Maß an Aufklärung, um die Widerspruchslösung mit unseren ethischen und rechtlichen Grundbedingungen überhaupt in Einklang zu bringen“, sagt Schicktanz. Und auch für den Staatsrechtler Prof. Dr. Wolfram Höfling von der Universität Köln ist die Information und die Diskussion in der Bevölkerung ein zentraler Punkt: „Verfassungsrechtliche Bedenken gegen eine Widerspruchslösung bestehen nicht, wenn diese in eine wirklich offene und ehrliche Debatte über Organspende integriert ist.“

Unabhängig davon, ob sie eine gesetzliche Änderung der Organspende befürworten oder nicht, Einigkeit herrscht unter den Experten vor allem in einem Punkt: Eine Gesetzesänderung allein kann den Organmangel in Deutschland nicht lösen. In einem Statement der Deutschen Stiftung Organtransplantation, verantwortlich für die Koordination der Organspende in Deutschland, heißt es dazu: „Wir sind keinesfalls gegen eine Widerspruchsregelung. Aber wir glauben auch nicht, dass sie das alleinige Allheilmittel ist. Denn nicht nur die gesetzlichen Regelungen, sondern auch zu viele andere Gründe erschweren die Organspende in Deutschland.“

 

Debattiere mit!

Deine Emailadresse wird nicht veröffentlicht.

7 Kommentare

  • Nana Uhommes communitmail

    04.09.2018, 8:15 Uhr

    Kommentar gelöscht. Wir bitten Sie auf Unterstellungen zu verzichten und sich künftig sachgemäß an der Diskussion zu beteiligen. [Die Redaktion]

    0
  • Nana Uhommes

    08.09.2018, 9:45 Uhr

    Wissen sie was das hier ist , ich sage ihnen was das hier ist
    diese angebliche debatte ist keine debatte in dem Sinn,
    sondern ein Meinungs-beeinflussendes Portal, scheinbar
    von denen erstellt, die Organspende wollen

    Wenn dies nun eine Unterstellung ist, dann ist das dennoch einfach
    NUR MEINE MEINUNG und ich schreibe es um einen Beitrag zu
    geben, damit auch Andere Menschen mal – nachdenken , wie es hinter
    den Kulissen aussehen KÖNNTE , sowass nennt man auch Kritisch
    hinterfragen und ich hinterfrage auch kritisch dieses angebliche
    Meinungs-äusserungs-portal , woher soll ich wissen , wer denn dies
    Portal wirklichbetreibt ?
    Bin ich im Sicherheitsbereich tätig ? NEIN

    Was fällt Ihnen dann ein eine Meinung ,die schriftlich Bezug hat
    zu dem Thema und sachlich geäussert wird , einfach nach
    Belieben oder Nicht Belieben zu löschen,

    Geschriebe WORTE sind dass , was man MIT dem MUND sagt,
    , nur in diesem Falle als auf Papier,

    Also verbieten sie mein Kommentar , lassen sie doch die Leser
    drüber URTEILEN, welchen „Senf“ ich dazu beigetragen hätte
    Ich nenne das Ihrerseits eine Unverschämtheit, und PASS T NICHT
    in Unsere freiheitlichen Gedanken Werte sonderen gleichen eher
    einer Gedankenpolizei

    Und wenn ich zu viel oder zu lange Texte schreiben ist
    das nicht meine Schuld, dann begrenzen SIE DOCH
    die Zeichen

    Organspende ist meines Erachtens nicht Sicher genug

    und eine Debatte dazu in Öffentlichekeit,
    vielleicht hier diese oder Andere soll scheinbar auch dazu
    dienen Organspende als freundlich und human darzustellen.
    aber es ist auch wie Prof.Jörg Meuthen von AfD
    schon andeutete ein „modernes Ausschlachten“

    Oder können sie mal schnell irgendwo in Klinik gehen
    und ein Organ hergeben ?
    Nein
    und eine 14 Jährige in IOWA ist aus dem Koma wieder erwacht,
    sowas gibt es aber angeblich nicht bei den Ärzten,
    BIS ES EBEN DOCH WAHR WURDE

    Aber man sieht ja an den Zahlen hier, dass dies Debatten
    Portal auch etwas seltsam wär,
    sonst gäb es viel mehr Kommentare

    Eine Unterstellung wie sie es nennen , kann eine Hinterfragen sein,
    die man in den Raum stellt,
    damit Menschen auch über kritische Punkte nachdenken , was sie sonst
    als Mainstream und Massen medien beeinflusste Menschen vielleicht
    NICHT MACHEN würden, weil die Gedankenwelt schon so einge“schient“
    ist, dass kritische Gedanken „ausgeblendet“ werden .
    „Jemand sagt man durfte früher (zum Beispiel im alten England)
    frei über alles reden ,und heutzutage geht das so nicht mehr“

    1
    • Redaktion Die Debatte

      10.09.2018, 12:23 Uhr

      Liebe Frau Uhommes,

      wir haben Ihren ursprünglichen Kommentar und das Löschen dieses unter folgendem Artikel https://www.die-debatte.org/organspende-ethik/ begründet.

      Wir versuchen möglichst viele Expertisen abzubilden, haben aber selbst keine klare Position zu einem Thema. Auch unsere Experten verherrlichen die Organspende keinesfalls, sondern fundieren ihre Positionen aufgrund ihrer wissenschaftlichen Perspektive. Außerhalb der Bevölkerung, in der Ängste geäußert werden – diese bilden wir ebenfalls im Portal ab – gibt es keine wissenschaftlichen Experten, die ganz generell gegen eine Organspende sind. Die Position gegen eine Widerspruchslösung ist im Portal vertreten und wird auch in der Wissenschaft kontrovers diskutiert.

      In folgendem Artikel finden Sie zudem die Expertenmeinung zum Thema Hirntod, die aus ihrer Sicht der kritische Punkt zu sein scheint. https://www.die-debatte.org/organspende-ethik/ Vielleicht können Sie hier Belege für ihre Meinung liefern, damit wir konkreter darauf eingehen können.

      Mit freundlichen Grüßen
      Ihr DieDebatten-Team

      0
  • Thomas Lausberg

    12.09.2018, 14:00 Uhr

    # Keine Änderung am Organspende-Gesetz !!!
    Rundschreiben / Kettenbrief / Petition

    Hallo Leute
    Sprecht euch öffentlich gegen die Änderung am Organspende-Gesetz aus, wehrt euch dagegen.
    Worum geht es ?
    Unser heute hier in Deutschland allgemeingültiges Recht, welches die Organspende regelt,
    besagt das eine Zustimmungs-Erklärung ( Spender-Ausweis ) vorliegen muss, um das dem Patienten nach seinem Gehirntot Organe ( im Sinne einer Organspende ) entnommen werden dürfen.

    Dieses Gesetz der Zustimmungs-Erklärung schützt uns.
    Wovor ?
    Noch im Jahre 1800, wo es das Organspende-Gesetz noch nicht gab, suchten sich betuchte Herrschaften ihre Organspender nach eher unkonventionellen Methoden. So suchte man sich arme und alleinstehende Bürger, versuchte ein bisschen zu feilschen um an dessen Körperteile, Organe zu gelangen. Doch in der Not, wenn Geld nicht zog dann wurde die Kommunikation eingestellt und der Spender landete nun doch, ob freiwillig oder nicht, trotzdem auf dem Tisch.

    Und genau davor schützt uns das Gesetz der Zustimmungs-Erklärung.
    Dieses Gesetz schützt uns Menschen, insbesondere alleinlebende Singles, Heimkinder, Auswanderer, Studenten im Ausland, Prostituierte, usw. vor den Machenschaften von Organhändlern.

    Wir lassen uns nicht zum must have für Organjäger machen.
    Wir werden nicht zum Freiwild von Organjäger

    Nur das Gesetz der Zustimmungsregelung zur Organspende schützt uns davor auf mysteriöse Weise eines Tages als Ersatzteillager im OP zu landen.

    Wir sagen nein zur Widerspruchsregelung !!!

    Wenn Ihr wollt könnt Ihr mir eine Email mit nein zur Widerspruchsregelung im Organ-Spende-Gesetz senden.
    Schreibt bitte Organ-Spende-Gesetz im Betr. Feld. Werde die Mails sammeln und als Petition abgeben.
    Email: th.lausberg@gmail.com

    Viele Grüße an Alle : Th. Lausberg

    1
    • Bettina Reichelt

      24.09.2018, 10:10 Uhr

      Ich sage NEIN zum Organspendegesetz

      0
  • Dr. Peter Petersen

    14.09.2018, 6:25 Uhr

    Mangelnde Zustimmung ist nicht das Problem der Organspende. Das Einverständnis wird auf den Intensivstationen in der Mehrheit der Fälle von den Angehörigen gegeben, so daß deutlich mehr Organspenden möglich wären und kein Politiker sich dem Verdacht der Bevormundung unentschiedener oder nicht spendebereiter Bürger aussetzen muß. Auch in den europäischen Ländern mit gesetzlichen Widerpruchsregelungen werden die Angehörigen befragt und ihre Ablehnungen akzeptiert, d.h. de facto Zustimmungslösungen praktiziert. Das Problem in Deutschland liegt darin, daß hier bei Weitem nicht alle Angehörigen von Verstorbenen im Falle einer möglichen Organspende angesprochen werden, sondern das Thema aus Kapazitätsgründen häufig ausgeklammert wird. Die knappen Personalressourcen auf den Intensivstationen lassen wenig Zeit für ausführliche Gespräche und die aufwändige Fortführung der medizinischen Unterstützungsmaßnahmen und Untersuchungen, die bei nicht vorgesehener Spende i.d.R. vor Eintritt des Hirntodes beendet werden. Der diesbezügliche Gesetzentwurf des Gesundheitsministeriums greift die von Patientenverbänden und Transplantationsbeauftragten geforderten Maßnahmen zur Realisierung von mehr Organspenden in den Krankenhäusern in vorbildlicher Weise auf, wird aber derzeit von der Diskussion um die Widerspruchsregelung in den Hintergrund gedrängt. Diese würde – wenn sie eine Mehrheit fände – wenig ändern, da drei Viertel der Angehörigen bereits jetzt zustimmen, die Krankenhäuser aber nur einen Bruchteil der möglichen Organspenden realisieren.

    1
  • Petra Augustin

    01.10.2018, 23:34 Uhr

    Nur mal so gefragt..
    Was verspricht sich Spahn von der doppelten! Widerspruchslösung überhaupt. Wenn auch hier die Angehörigen ein Vetorecht in Anspruch nehmen können, was bitte ändert sich gegenüber der jetzigen erweiterten Entscheidungslösung?
    Hier wird mal wieder ein Problem dahin geschoben wo es gar nicht gelöst werden kann.
    Auch diese immer wieder gennante Zahl, nach der 86% der Deutschen der Organspende positiv gegenüber stehen, aber nur 36% dies auf einem Ausweis dokumentiert hätten, halte ich für absoluten Nonsens. Seit 2012 werden jedem Pflichtversicherten die Dinger massenweise ins Haus geschickt. Wo ist das Problem einen auszufüllen?
    Ich denke, die meisten dieser 86% wollen nur nicht als asozial gelten und antworten was man erwartet..
    Ich persönlich bin gegen die Widerspruchslösung, ob doppelt oder nicht. Ich bin der Meinung der Staat hat nicht das Recht so in mein Leben einzugreifen. So wird die “Spende”
    zur Zwangsexplantation und damit einer Demokratie die durch ein Grundgesetz dem individuum höchstmögliche Freiheit zugesteht, nicht mehr gerecht..

    1

Mehr zu dem Thema

  • 4
  • 0
  • 2
  • 0
  • 12
  • 4
Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.