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„Physical Distancing statt Social Distancing“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier

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Seit Februar diesen Jahres sind wir durch die Corona-Pandemie bereits in unserem Alltag eingeschränkt. Welche Folgen kann das auf die psychische Gesundheit von Menschen haben? 

Wir müssen mittlerweile feststellen, dass die Corona-Pandemie nicht nur eine große Gesundheits- und Wirtschaftskrise darstellt, sondern auch eine Herausforderung für die psychische Gesundheit ist. Ich habe daher gemeinsam mit meiner Mitarbeiterin Dr. Janine Wirkner sowie Prof. Dr. Susanne Wurm und dem Vorstand der DGPS Fachgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie ein Positionspapier geschrieben. Darin stellen wir die Pandemie als einen multidimensionalen – also vielseitigen – Stressor dar und erklären, weshalb sie für viele Menschen auch psychisch belastend sein kann. Was uns Menschen besonders dabei zu schaffen macht, ist, dass die Pandemie von unvorhersehbarer Dauer ist. Das löst bei vielen Ängste und Unsicherheiten aus. Durch die eingeschränkten sozialen Kontakte fühlen sich einige Menschen auch einsam. Wenn es zu Quarantäne oder sogar zu einem Lockdown kommt, können sich zudem der Verlust der Tagesstruktur sowie eine eingeschränkte körperliche Aktivität negativ auf die Psyche auswirken. Außerdem haben viele Personen nachvollziehbare existenzielle Sorgen. Dies sind alles Risikofaktoren für psychische Störungen – auch unabhängig von der Pandemie. Und schlimmstenfalls kann es natürlich auch zu einem Verlust mit anschließender Trauer um nahestehende Personen kommen. Ein subjektiv wahrgenommener Kontrollverlust ist ebenfalls eine mögliche Auswirkung der Pandemie auf die psychische Gesundheit, da wir als Einzelperson in der Pandemie plötzlich nicht mehr so gut planen können, was als nächstes passiert. Natürlich sollte nicht jedes Gefühl der Angst oder Traurigkeit direkt als psychische Erkrankung gewertet werden, viele emotionale Reaktionen sind durchaus menschliche und zunächst auch hilfreiche Reaktionen. Es kommt hier auf die Dauer und die persönliche Belastung an.

„Gefährlich wird es erst dann, wenn die Symptome persistieren, also länger andauern, und die persönlichen Ressourcen aufgebraucht sind.“

Sie sprechen von menschlichen Reaktionen. Was genau ist damit gemeint? 

Viele akute emotionale Reaktionen auf die COVID-19 Pandemie sind völlig normal, menschlich und häufig auch sinnvoll sowie hilfreich. Es ist beispielsweise hilfreich und sinnvoll, wenn ich aufgrund der Angst vor einer Infektion die Sicherheitsmaßnahmen einhalte und durch ein verantwortungsvolles Verhalten die Verbreitung des Virus verhindere. Es ist völlig normal und nachvollziehbar, dass Kinder und Jugendliche wütend, enttäuscht und traurig sind, wenn ihre Geburtstagsparty abgesagt werden muss und sie über einen längeren Zeitraum ihre Freund*innen nicht sehen dürfen. Und Traurigkeit und Einsamkeitsgefühle aufgrund des Verlustes sozialer Kontakte – und im schlimmsten Fall naher Angehöriger – sind ebenfalls zunächst nicht pathologisch. Wichtig ist es, diese Gefühle wahrzunehmen und möglichst mit jemanden darüber zu sprechen. Gefährlich wird es erst dann, wenn die Symptome persistieren, also länger andauern und die persönlichen Ressourcen aufgebraucht sind. Dann kann es zu Depression, Angsterkrankungen, Traumafolgestörungen oder Abhängigkeitserkrankungen kommen.

Wirkt sich die Pandemie grundsätzlich nur negativ aus?

Nein, zum Glück nicht. Studien hier aus Deutschland weisen beispielsweise darauf hin, dass ca. 20 – 30% keine oder nur sehr geringe negative psychische Auswirkungen spüren und ein beträchtlicher Anteil auch positive Erfahrungen aus der Zeit der Corona-Einschränkungen mitnimmt, wie eine Entschleunigung des Alltags und eine neue Fokussierung auf die persönlich wichtigen Dinge im Leben. Daraus folgt, dass die Pandemie für einige Menschen auch mittel- bzw. langfristig mit positiven Nebenwirkungen einhergehen kann, wie z.B. im Homeoffice arbeiten zu können.

„Bundesweite Untersuchungen zeigen bereits, dass sich jede*r dritte Befragte insbesondere im März und April stark oder sogar sehr stark belastet fühlte, Frauen im Schnitt stärker als Männer, wobei Ängste und depressive Symptome dominieren.“

Gibt es seit Februar 2020 mehr psychische Erkrankungen als vor der Pandemie?

Die derzeitigen Daten aus der ersten Welle im Frühjahr bestätigen das zumindest in Deutschland noch nicht. Das liegt aber auch daran, dass wir eine relativ lange Inkubationszeit bei psychischen Störungen haben. Wir erwarten jedoch langfristig einen Anstieg. Bundesweite Untersuchungen zeigen bereits, dass sich jeder dritte Befragte insbesondere im März und April stark oder sogar sehr stark belastet fühlte, Frauen im Schnitt stärker als Männer, wobei Ängste und depressive Symptome dominieren. Bei uns in der Ambulanz im Zentrum für Psychologische Psychotherapie (ZPP) sehen wir entsprechend in den letzten Wochen einen deutlichen Anstieg an Therapieanfragen, was auf eine Zunahme psychischer Probleme hindeuten kann. Allerdings erfüllt nicht jeder, der sich bei uns meldet, die Kriterien einer psychischen Störung. Manchen hilft auch schon ein entlastendes Gespräch.

Woran erkenne ich denn eine psychisch erkrankte Person im Vergleich zu einer psychisch belasteten?

Je nach Störung gibt es nach unserem gängigen Diagnosesystem verschiedene Kriterien. Hier betrachten wir zunächst einmal die Dauer der psychischen Belastung. Wenn ich diese belastete Phase nur wenige Tage erlebe und es mir zwischendurch auch immer wieder gut ergeht, dann ist das in der Regel erst einmal nicht sehr bedenklich. Wenn die psychische Belastung allerdings über Wochen andauert, bei einer Depression sind beispielsweise schon 14 Tage das Zeitkriterium, und wenn ich einen subjektiven Leidensdruck spüre, dann sollte ich auf jeden Fall ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung aufsuchen. Es kann auch vorkommen, dass ich diese Belastung selbst vielleicht gar nicht wahrhaben möchte und mich nahestehende Personen auf eine spürbare Veränderung hinweisen müssen. Wenn ich mich lebensmüde fühle und suizidale Gedanken oder bereits Pläne habe, sollte ich auf jeden Fall sofort ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Übrigens empfehle ich auch denjenigen Menschen, die sich im Alltag nur tageweise psychisch belastet fühlen, hier bereits vorzubeugen, damit sich die Belastungen nicht verschlimmern.

„Insbesondere gilt es, während der Corona-Pandemie das sogenannte `Social Distancing´ vielmehr als ein `Physical Distancing´ aufzufassen, denn das ist es ja: Wir sollen Familienangehörige, Freund*innen und Bekannte ja nicht per se völlig meiden, sondern ihnen nur nicht physisch – also körperlich – nah kommen.“

Welche präventiven Maßnahmen eignen sich konkret zur Vermeidung einer psychischen Erkrankung?

Bei der Prävention kommt es natürlich immer auf die Art der Belastungen an. Zu dem Thema gibt es zum Glück zahlreiche durch Studien nachweislich als wirksam erwiesene Strategien. Bei einer aufkommenden Depression sind beispielsweise eine Tagesstruktur und ein geregelter Schlafrhythmus sehr wichtig. Außerdem sollten die Betroffenen versuchen, positive Aktivitäten und „Wohlfühl-Momente“ in den Alltag zu integrieren. Körperliche Aktivität und Sport sind ebenfalls wichtige präventive Faktoren, die einer psychischen Erkrankung vorbeugen können. Insbesondere gilt es, während der Corona-Pandemie das sogenannte „Social Distancing” vielmehr als ein “Physical Distancing” aufzufassen, denn das ist es ja: Wir sollen Familienangehörige, Freund*innen und Bekannte ja nicht per se völlig meiden, sondern ihnen nur nicht physisch – also körperlich – nah kommen. Weil wir Menschen nun einmal sehr soziale Wesen sind, ist es für Menschen aller Altersgruppen so extrem wichtig, dass wir uns mit anderen Menschen verbunden fühlen und soziale Kontakte aufrechterhalten.

Welche Altersgruppen sind besonders davon betroffen? Kann man das pauschal sagen?

Die ersten Studien legen recht deutlich nahe, dass vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene psychisch belastet sind. Gerade die jungen Menschen, die sich momentan in der Entwicklungs- und Selbstfindungsphase zwischen Jugend und Erwachsenenleben befinden, leiden unter den freiheitseinschränkenden Maßnahmen – aber auch die kleineren Kinder und Jugendlichen vermissen während eines Lockdowns das unmittelbare Zusammensein mit Freund*innen und den geregelten Lern- und Freizeitalltag. Interessanterweise fühlen sich laut aktueller Studien die älteren Menschen durch die Corona-Pandemie weniger einsam und psychisch belastet als jüngere Menschen. Das lässt sich dadurch erklären, dass die meisten älteren Menschen bedingt durch das Bewältigen vieler anderer Krisen im Laufe ihres langen Lebens resilienter – also widerstandskräftiger – sind als jüngere. Möglicherweise hatten einige ältere Menschen auch bereits vor der Pandemie ein kleineres soziales Umfeld, so dass der Unterschied nun entsprechend geringer ausfällt. Allerdings sind beispielsweise ältere und kranke Menschen, die in Alten- und Pflegeheimen leben, nicht in den überwiegenden Online-Studien repräsentiert. Daher lässt sich keine eindeutige Aussage über die gesamte ältere Generation treffen.

Was können Risikofaktoren für eine psychische Erkrankung während der Corona-Pandemie sein?

Es gibt verschiedene Risikofaktoren für psychische Erkrankungen, welche während der Corona-Pandemie leider begünstigt werden. So kann, wie bereits erwähnt, der Verlust der sozialen Kontakte bis hin zur völligen Isolation und Einsamkeit ein Risikofaktor für eine psychische Erkrankung sein. Ich kann mich aber auch einsam fühlen, obwohl ich noch viele Personen um mich herum habe. Hier ist die subjektive Wahrnehmung von Einsamkeit entscheidend. Die Pandemie kann außerdem dazu führen, dass wir ungünstige Coping-Strategien – also Bewältigungs-Maßnahmen – anwenden. So können beispielsweise alkoholabhängige Menschen wieder rückfällig werden. Auch der Verlust des Arbeitsplatzes, Kurzarbeit oder die Tätigkeit im Gesundheitswesen und anderen systemrelevanten Berufen sind klare spezifische Risikofaktoren dieser Pandemie. Zudem kann auch eine Infektion mit dem Coronavirus langfristige psychische Folgen nach sich ziehen. Während der ersten Welle waren insbesondere Familien psychisch belastet, die Homeoffice und Homeschooling zu bewältigen hatten – gerade in eingeengten Wohnsituationen gestaltet sich das als besonders herausfordernd und kann leider auch zu einer Zunahme von häuslicher Gewalt führen. Außerdem gibt es Studien, die zeigen, dass Menschen mit einer geringen Bildung, einem geringen sozioökonomischen Status, Migrationshintergrund oder auch einer Behinderung besonders anfällig für psychische Belastungen und Erkrankungen während einer solchen pandemischen Krise sind. Schließlich sind natürlich Personen, die bereits vor der Pandemie psychisch erkrankt waren, besonders anfällig; hier kann es zu deutlichen Verschlechterungen oder Rückfällen kommen.

Wie genau wirkt sich die Corona-Pandemie auf die bereits erkrankten Personen aus?

Ich möchte die Auswirkungen an einem konkreten Fall verdeutlichen: Eine unserer Patientinnen, die unter einer chronischen Depression leidet, also schon lange mit einer schweren Depression zu kämpfen hat, hatte sich gerade im letzten Jahr durch Psycho- und Soziotherapie, neue Freundschaften, ehrenamtliche Aufgaben und Freizeitaktivitäten weitgehend stabilisiert und wollte im Frühjahr 2020 eine Ausbildung beginnen. Mit Beginn der Sicherheitsmaßnahmen ging es ihr interessanter Weise zunächst eine Woche lang erst einmal besser, weil all die sozialen Verpflichtungen weggefallen sind, zu denen sie sich zunächst immer noch überwinden muss. Nach dieser ersten Woche realisierte sie jedoch, dass die Pandemie noch über einen längeren Zeitraum hinweg bestehen würde. Sie spürte, dass ihr die sozialen Kontakte und Aktivitäten fehlten und fühlte sich wieder wie von der Umwelt abgeschnitten – ein Gefühl, was sie aus den schweren Phasen der Depression kannte. Daraufhin wurde die Patientin schwer depressiv, lebensmüde Gedanken traten erneut auf. Wie dieses Beispiel zeigt, brechen gerade in den Phasen eines Lockdowns für die bereits erkrankten Menschen sehr viel der positiven und hilfreichen Kontakte und Aktivitäten weg, sodass sich bereits bestehende Erkrankungen verschlimmern können.

Wie kann man als gesunde Person einer psychischen Erkrankung durch die Corona-Pandemie vorbeugen? Gibt es bereits Präventionsprogramme?

Ja, die gibt es schon. Wir unterscheiden hier zwischen universeller Prävention, also was können die Gesellschaft, die Medien oder die Politik vorbeugend tun, und spezifischer indizierter Prävention, also was können wir gezielt für Personen mit Risikofaktoren machen. Bei der universellen Prävention ist eine seriöse, wissenschaftliche Berichterstattung in den Medien sehr wichtig. Panikmache sollte dabei vermieden werden. Die Fakten sollten neutral und nachvollziehbar – am besten interaktiv – vermittelt werden, also so, dass wir nachvollziehen können, welchen Einfluss das eigene Verhalten auf die Entwicklung der Pandemie hat und welche Verantwortung wir dabei haben. Den Vorteil eines interaktiven Tools haben wir gerade in einer eigenen Studie zeigen können. Gleichermaßen sollte auch auf die bereits erwähnten positiven Begleiterscheinungen, die die Pandemie mit sich bringt, eingegangen werden. Auch ein Angebot für beispielsweise digitalen Sport kann dabei hilfreich sein. In Hinblick auf die indizierte Prävention habe ich zum Beispiel gemeinsam mit meiner Arbeitsgruppe auf einer speziellen Corona-Pandemie-Webseite verschiedene Videos, Materialen, Übungen und konkrete Tipps unter anderem über den Umgang mit Konflikten oder Stress für belastete Menschen aller Altersgruppen bereitgestellt. Sehr ähnlich jedoch noch umfassender informiert eine Website unserer Fachgruppe der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPS), bei der ich auch mitgewirkt habe. Zudem gibt es einige sehr gute Online-Trainings, die auch spezifisch auf die psychischen Belastungen resultierend aus der Corona-Pandemie ausgerichtet sind, wie z.B. www.corona-stressfrei.de oder https://hellobetter.de.

„Ganz wichtig ist es als Angehöriger oder Freund*in für die betroffenen Personen da zu sein, immer wieder ein Gespräch anzubieten, empathisch zuzuhören und der Person das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht alleine ist – das geht ja trotz Physical Distancing!“

Wie kann man psychisch erkrankten Personen zur Seite stehen und helfen? An wen können sich die betroffenen Personen wenden?

Ganz wichtig ist es als Angehöriger oder Freund*in für die betroffenen Personen da zu sein, immer wieder ein Gespräch anzubieten, empathisch zuzuhören und der Person das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht alleine ist – das geht ja trotz Physical Distancing! Gut durchdachte Anregungen und Tipps können hilfreich sein, da psychisch belastete Personen oft in ihren Gedanken wie gefangen sind. Beispielsweise mag es hilfreich sein, gemeinsam herauszufinden, welche positiven Aspekte es trotz der Krise immer noch für die Betroffenen gibt. Falls noch nicht geschehen, sollte der Betroffene natürlich ermutigt werden, sich professionelle Hilfe zu suchen. Die Sprechstunden von psychologischen Psychotherapeut*innen wurde dafür eingerichtet, dass sich Betroffene schnell eine Meinung von Expert*innen einholen können. Für Notfälle gibt es eine Telefonseelsorge, die 24 Stunden erreichbar ist und im extremen Notfall kann man natürlich auch die 112 anrufen. Der Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen hat zudem eine Corona-Hotline eingerichtet. Auch wir am ZPP richten ab nächste Woche eine spezielle Corona-Sprechstunde für Menschen, die sich durch die Pandemie psychisch belastet fühlen, ein.

In jedem Fall ist folgende Botschaft wichtig: Wir sind der psychischen Krise nicht hilflos ausgeliefert. Es gibt zahlreiche Strategien und Therapiemethoden, die helfen. Und die Türen der ambulanten und stationären psychotherapeutisch-psychiatrischen Einrichtungen und Praxen sind weit offen, neuerdings ja auch vermehrt digital!

Positionen

Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier ist Universitätsprofessorin und Direktorin des Zentrums für Psychologische Psychotherapie (ZPP) an der Universität Greifswald.

Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier
Foto: privat

Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden, gibt es Hilfe. Unter der kostenlosen Hotline 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 können sie anonym mit Beratern sprechen, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

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