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„Unterschiedliche Regelungen erschweren die Arbeit der Gesundheitsämter ungeheuer”

Ein Gespräch mit Dr. med. Ute Teichert

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In diesen Tagen werden neue Rekordzahlen bei den Corona-Neuinfektionen verzeichnet. Welche Rolle spielt die Kontaktnachverfolgung bei der Eindämmung der Corona-Pandemie?

Die Kontaktnachverfolgung ist eines der wichtigsten Instrumente, das wir zur Pandemie-Bekämpfung haben. Das ist von verschiedenen Seiten, auch von Seiten der Bundeskanzlerin, mittlerweile mehrfach festgestellt worden. Es ist die einzige Maßnahme, die wir im Moment zur Verfügung haben, um die Infektionsketten nachzuverfolgen. Wenn wir verhindern wollen, dass sich die Krankheit weiter verbreitet, dann ist die Kontaktpersonennachverfolgung das wichtigste Mittel. 

„Immer dann, wenn die Infektionszahlen ansteigen, kommen die Gesundheitsämter sehr schnell an ihre Kapazitätsgrenzen.“

Für die Kontaktnachverfolgung sind die Gesundheitsämter zuständig. Ist aktuell eine Kontaktnachverfolgung überhaupt noch möglich?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt natürlich davon ab, wie hoch die Zahl der positiv getesteten Personen ist. Aktuell sind 75 Landkreise und Städte über der Marke von 50 Neuinfektionen in sieben Tagen auf 100.000 Einwohner*innen (Anm. d. Red.: Stand vom 16.10). Das ist eine hohe Zahl. Immer dann, wenn die Zahlen ansteigen, kommen die Gesundheitsämter sehr schnell an ihre Kapazitätsgrenzen.

Sind die Gesundheitsämter strukturell gut genug aufgestellt und können sie die erforderliche Arbeit leisten?

Theoretisch ja. Die Kontaktnachverfolgung gehört zum Handwerkszeug der Gesundheitsämter. Sie erfüllen diese Aufgabe auch bei anderen meldepflichtigen Erkrankungen wie Hepatitis, Tuberkulose oder Masern. Das bedeutet, dass die Gesundheitsämter die Kontaktnachverfolgung fachlich natürlich bewältigen können, allerdings nicht in dem Ausmaß, in dem diese Arbeit derzeit anfällt. Zahlen in einer solchen Größenordnung gab es vorher noch nicht. Wir sind deshalb personell nicht gut genug aufgestellt, um die Aufgabe zu bewältigen. Fachlich ja, mengenmäßig nicht.

„Die jetzt neu eingeführten Reisebegrenzungen stellen uns in der Praxis vor eine große Herausforderung, weil sie sich mittlerweile stündlich ändern. Das verursacht einen hohen zusätzlichen Arbeitsaufwand bei den Gesundheitsämtern.“

Für wie sinnvoll halten Sie die neuen innerdeutschen Reisebeschränkung in diesem Zusammenhang? 

Grundsätzlich ist es dem Virus egal, ob es eine Landkreisgrenze oder eine Stadtgrenze oder ähnliches gibt. Ein Virus verbreitet sich auch über Grenzen hinweg. Die jetzt neu eingeführten Reisebegrenzungen stellen uns in der Praxis vor eine große Herausforderung, weil sie sich mittlerweile stündlich ändern. Das verursacht einen hohen zusätzlichen Arbeitsaufwand bei den Gesundheitsämtern. Erstens, weil die Gesundheitsämter selbst sehen müssen, dass sie überhaupt die aktuellen Regelungen vor Ort kennen und zweitens, weil die Anfragen von Bürger*innen deutlich zunehmen, da auch sie nicht mehr durchblicken und dann beim Gesundheitsamt anrufen. Gerade die unterschiedlichen Regelungen von einzelnen Städten und Landkreisen erschweren die Arbeit ungeheuer. 

„Das erste, was jede*r tun kann, ist im persönlichen Umfeld zu schauen, wie man es vermeiden kann, mit vielen Menschen zusammenzukommen.“

Es gibt also eine große Verunsicherung in der Bevölkerung angesichts der häufig wechselnden Vorgaben. Welche Empfehlungen gibt es in der aktuellen Lage an das Individuum? 

Es ist ganz wichtig, dass man weiß, dass das Virus sich gerne dort verbreitet, wo viele Menschen zusammenkommen. Das erste, was jede*r tun kann, ist also im persönlichen Umfeld zu schauen, wie man es vermeiden kann, mit vielen Menschen zusammenzukommen – indem man Veranstaltungen nicht besucht, vielleicht auch an Feiern nicht teilnimmt und Großveranstaltungen meidet. 

Als nächstes ist es wichtig, sich an die allgemeinen AHA-Regeln plus Lüften zu halten, sprich Abstand, Händewaschen, Mund-Nasen-Schutz und Lüften. Mir ist es auch ganz wichtig noch einmal darauf hinzuweisen, dass man, wenn man unterwegs ist, auch seine Personalien hinterlassen sollte. Also, dass man nicht Donald Duck oder Micky Maus in den Kontaktformularen angibt, sondern seine tatsächlichen Kontaktdaten, damit man im Zweifelsfall auch benachrichtigt werden kann. Es nützt nichts, da etwas fiktives anzugeben. Das erschwert die Arbeit der Gesundheitsämter sehr und man gefährdet damit auch seine eigene Gesundheit. 

Ein letzter Hinweis noch: jede*r sollte sich unbedingt die Corona-Warn-App herunterladen, weil das nochmal ein zusätzliches technisches Hilfsmittel ist. Im Fall, dass man einen Test machen lässt, kann man dann zum Beispiel schneller über sein Testergebnis benachrichtigt werden, als wenn man warten muss, bis man einen Telefonanruf bekommt.

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