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„Die aktuellen Infektionszahlen verlangen, dass die Politik ad hoc-Entscheidungen trifft“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Rafael Mikolajczyk

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In den letzten Tagen sind die Neuinfektionen in Deutschland stark gestiegen. Verwundert Sie das?

Insgesamt war es zu erwarten, dass die Zahlen im Herbst wieder ansteigen, daher wundert es mich nicht so stark. Aber dass es jetzt schon passiert, ist natürlich eine negative Überraschung. Selbst wenn man es erwartete, würde man sich wünschen, dass es nicht oder noch nicht so wäre.

Die Anstiege werden vor allem aus Großstädten vermeldet. Dort stehen ganz besonders private Feiern im Verruf. Weiß man, ob dort tatsächlich die Mehrheit der aktuellen Infektionen stattfinden? Gibt es dazu Einblicke aus der Modellierung?

Aus der Modellierung des Infektionsgeschehen können wir das nicht so eindeutig sagen, viele Modelle zur Ausbreitung der Infektion sind dazu zu allgemein. Wir wissen aber ganz generell, dass in Großstädten die Dichte der Menschen höher ist und es dadurch beispielsweise in den Verkehrsmitteln schwieriger ist, die notwendigen Abstände einzuhalten. Zusätzlich scheint es in Großstädten eine andere Kultur des Feierns zu geben. Es könnte aber auch sein, dass nur die Häufung der Menschen dazu führt. Insgesamt lässt sich sagen, dass Städte sicherlich günstigere Voraussetzungen für die Verbreitung eines Virus haben, als die eher ländlichen Regionen, weil es in einer Stadt einfach zu mehr Kontakten kommt. Es gibt dafür viele plausible Gründe, die sich allerdings noch nicht in Modellen abbilden lassen.

„Der Mensch ist eher gewohnt, proportionale Veränderungen zu erfassen, bei exponentiellen Veränderungen stößt man schnell an die Grenzen der Vorstellungskraft. Daher war es sehr wichtig, durch die Modelle der Vorstellungskraft auf die Sprünge zu helfen.“

Was lässt sich in Modellen überhaupt abbilden und was ist der Mehrwert davon im Umgang mit der Pandemie?

In der ersten Phase waren Modelle sehr wichtig, um eine mögliche Entwicklung der Pandemie abzuschätzen und um einen Eindruck zu vermitteln, was passiert, wenn man nicht entschlossen und rechtzeitig handelt. Denn gerade das exponentielle Wachstum der Infektionen lässt sich intuitiv nicht gut erfassen. Der Mensch ist eher gewohnt, proportionale Veränderungen zu erfassen, bei exponentiellen Veränderungen stößt man schnell an die Grenzen der Vorstellungskraft. Daher war es sehr wichtig, durch die Modelle der Vorstellungskraft auf die Sprünge zu helfen. Durch sie konnte visualisiert werden, wie sich eine Reproduktionszahl auswirkt. Außerdem haben wir so verdeutlichen können, was für eine Hospitalisierungsrate wir unter bestimmten Bedingungen erwarten und was für eine massive Belastung oder sogar Überlastung des Gesundheitssystems innerhalb weniger Tage die Folge sein könnte. Gleichzeitig haben die Modelle im Frühjahr sozusagen die wissenschaftliche Erklärung geliefert, für Bilder, wie wir sie zum Beispiel aus Italien mit den vielen Leichentransporten gesehen haben. Denn das, was man dort gesehen hat, war für viele fernab jeder Vorstellungskraft.

Welche aktuellen Fragen lassen sich momentan mit Modellrechnungen beantworten?

Aktuell hat sich die Rolle der Modelle etwas verändert, weil sie jetzt zur Klärung von viel komplexeren Fragestellungen eingesetzt werden und deutlich spezifischer Auskunft geben können. So können inzwischen Fragen darüber beantwortet werden, was konkrete Maßnahmen bringen oder welche Folgen beispielsweise aus Großereignissen resultieren. Wir versuchen beispielsweise ganz aktuell im Projekt „Restart-19” den Ablauf von Großveranstaltungen unter Corona-Bedingungen zu untersuchen.

Lässt sich mit Modellen vorhersagen, wie beispielsweise die aktuellen Neuregelungen wie innerdeutsche Reisebeschränkungen oder das Beherbergungsverbot wirkt?

Der Vorteil von Modellen ist, dass man alternative Strategien gegenüberstellen kann und darauf basierend die optimalen Maßnahmen bestimmen kann. Theoretisch lassen sich also auch die aktuellen Maßnahmen in einem Modell abbilden. Dafür sind aber zum einen die entsprechenden Daten notwendig und zum anderen braucht es Zeit, um die Berechnungen durchzuführen. Manche möglichen Maßnahmen waren erwartbar und konnten so vorab bereits modelliert werden. Die Frage nach der Wirkung von innerdeutschen Reisebeschränkungen war hingegen bislang in der Diskussion nicht so vordergründig, als dass dazu schon Modelle vorhanden sind. Die Modellierungen zu möglichen Effekten können also erst jetzt beginnen.

„Es gibt in dem aktuellen, sich schnell verändernden Infektionsgeschehen von Seiten der Politik die Notwendigkeit, intuitiv und praxisbezogen Entscheidungen zu treffen, auch ohne dass es eine wissenschaftliche Grundlage dafür gibt. Denn auch “Nicht-Handeln” hätte enorme Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen.“

Das heißt die innerdeutschen Reisebeschränkungen und das Beherbergungsverbot basieren gar nicht auf bestehenden Modellen, sondern sind rein politisch motiviert?

Es gibt in dem aktuellen, sich schnell verändernden Infektionsgeschehen von Seiten der Politik die Notwendigkeit, intuitiv und praxisbezogen Entscheidungen zu treffen, auch ohne dass es eine wissenschaftliche Grundlage dafür gibt. Denn auch “Nicht-Handeln” hätte enorme Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen. Das birgt natürlich auch immer das Risiko, dass manche Maßnahmen gar nicht die Wirkung zeigen, die man eigentlich erhofft hat. In der Praxis kann man aber leider nicht alles erst über Modelle erforschen. Das Geschehen ändert sich aktuell so schnell, dass wir mit den Modellierungen gar nicht mehr nachkommen. Ein komplexes Modell aufzustellen dauert oftmals mehrere Monate. Selbst dann, wenn man schon viele Vorkenntnisse hat. Das geschieht also nicht ad hoc, aber die aktuellen Infektionszahlen verlangen, dass die Politik ad hoc-Entscheidungen trifft.

Was bedeutet das für die Wirkung der aktuellen Maßnahmen?

Bei manchen Maßnahmen werden sich direkt Effekte zeigen, bei anderen nicht. In der bisherigen Pandemie unterstützen aber grundsätzlich die wissenschaftlichen Erkenntnisse die eher intuitiv gewählten Maßnahmen bisher, so dass ein Großteil der bisher erlassenen Maßnahmen tatsächlich auch aus wissenschaftlichen Berechnungen sinnvoll erscheint. 

„Da, wo es praktikabel ist, ist es sicher sinnvoll, die Reisebeschränkungen auch innerhalb Deutschlands anzuwenden.

Sind die innerdeutschen Reisebeschränkungen oder das Beherbergungsverbote Ihrer Meinung nach sinnvoll?

Die Überlegung kam sicher daher, dass man Risikogebiete bisher im Ausland ausgewiesen hat und mit dem Vorgehen ganz gute Erfahrungen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens gemacht hat. Allerdings ist die Einreise aus ausländischen Risikogebieten durch die bestehenden Landesgrenzen und Grenzkontrollen praktisch deutlich einfacher zu kontrollieren als innerdeutsche Reisebeschränkungen. Wenn beispielsweise in Großstädten wie in Berlin die Straßenseite darüber entscheidet, ob ein Gebiet Risikogebiet ist oder nicht, ist das sehr schwer umzusetzen und die Regelung nicht praktikabel. Da, wo es jedoch praktikabel ist, ist es sicher sinnvoll, die Reisebeschränkungen auch innerhalb Deutschlands anzuwenden.

Auch an dem starren Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern pro Woche gibt es teilweise Kritik. Ist die Kritik berechtigt?

Es ist wichtig, dass es Grenzen gibt, die klar gesetzt werden. Aber es kann im Einzelfall dazu führen, dass zwei definierte Gebiete sich vom Infektionsgeschehen kaum unterscheiden, aber unterschiedlichen Maßnahmen angeordnet sind, weil die Grenzwerte nur knapp über- bzw. unterschritten werden. Dazu erscheint es im ländlichen Raum eher sinnvoll, Gemeinden mit Infektionszahlen über dem Grenzwert zu isolieren und so eine überregionale Verbreitung zu stoppen, als in Großstädten, wo die geografische Grenze nicht so klar zu ziehen ist.

Ist der Grenzwert denn wissenschaftlich begründet?

Der Wert von 50 Neuinfektionen wurde nie genau begründet und er ist auch keine Naturkonstante. Nach allem was wir bisher wissen, ist die Überlastung der Krankenhäuser/Intensivstationen bei diesem Wert noch weit entfernt, aber das lokale Gesundheitsamt verliert schon deutlich unter dieser Zahl die Fähigkeit zur Nachverfolgung der Kontakte und die Epidemie ist nicht mehr unter Kontrolle. Ich denke daher, dass es noch wichtiger ist, sich nach den Kapazitäten der lokalen Gesundheitsämter zu richten. Dabei ist auch wichtig zu klären, wie diese 50 Infektionen zustande gekommen sind. Wenn diese bei einem Ausbruch an einem klar benennbaren Ort, wie einem Betrieb oder in einem Altersheim entstanden sind, ist es einfacher diesen Ausbruch zu beschränken ohne Maßnahmen für die Gesamtbevölkerung, als wenn viele verschiedene Ereignisse der Grund für die hohen Infektionszahlen sind.

Worauf sollte jeder Einzelne in der aktuellen Zeit besonders achten?

Ich denke, dass es weiterhin sehr wichtig ist, dass Personen, die sich krank fühlen auch wirklich zu Hause bleiben. Auch wenn es sich oftmals nur um eine Erkältungskrankheit mit ähnlichen Symptomen handelt und in vielen Fällen keine Covid-19-Erkrankung vorliegt. Das wird uns den ganzen Herbst und Winter begleiten. Darüber hinaus ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass gar nicht unbedingt die Großveranstaltungen, sondern vielmehr die kleinen privaten Feiern mit Freunden und Familien für die Verbreitung von Covid-19 besonders problematisch sind. Auch wenn es besonders schwer fällt, wäre hier ein stärkerer individueller Verzicht angebracht. Solange diese Feiern im Sommer draußen stattfanden, war das weniger problematisch, aber in geschlossenen Räumen mit schlechter Luftqualität überträgt sich der Erreger einfach sehr schnell.

„Dort, wo die Einhaltung der Kontaktbeschränkungen am schwersten fällt – also im direkten persönlichen Kontakt – ist die Infektionswahrscheinlichkeit am höchsten.“

Glauben Sie, dass die Bevölkerung die Situation weiterhin ernst nimmt?

Das paradoxe an der Situation ist, dass die Infektion insgesamt weiterhin sehr selten ist – Wir sprechen hier von 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner als kritische Grenze. Mit etwas Glück könnte man also viele verschiedene Partys besuchen, ohne dass man auf einen Infizierten trifft. Andererseits ist eben die Exposition sehr hoch: Das heißt sobald eine infizierte Person auf einer Party ist, ist die Wahrscheinlichkeit einer breiten Verbreitung des Erregers sehr hoch. Das macht den Umgang mit der Infektion so schwer. Dort, wo die Einhaltung der Kontaktbeschränkungen am schwersten fällt – also im direkten persönlichen Kontakt – ist die Infektionswahrscheinlichkeit am höchsten.

Wie hat sich die der gesellschaftliche Umgang mit der Pandemie Ihrer Meinung nach verändert und was bedeutet das für die kommenden Wochen und Monate?

Im Frühjahr war der Anstieg des Infektionsgeschehens so schnell, dass es richtig und konsequent war, so drastisch zu reagieren. Die Bevölkerung hat im März und April auch diese Maßnahmen recht konsequent befolgt, aber das Bewusstsein dafür muss auch jetzt noch präsent sein. Aktuell bestehen noch eine Reihe von Maßnahmen fort, die weiterhin Wirkung zeigen. Dadurch schreitet der Anstieg verglichen zum Frühjahr insgesamt langsamer voran und es ist nicht zu erwarten, dass die Infektionszahlen ähnlich schnell steigen wie damals. Und mit entsprechenden zielgerichteten Maßnahmen, bin ich optimistisch, dass sich der Anstieg der Infektionen auch immer wieder stoppen lässt. Wenn die Maßnahmen weniger beachtet werden, können Infektionszahlen steigen – und wenn sie steigen, wird hoffentlich die Gefahr wieder präsenter sodass die Einhaltung/Umsetzung von Maßnahmen wieder besser erfolgt – und in der Konsequenz die Zahlen fallen.  

Zur Person

Prof. Dr. Rafael Mikolajczyk ist Professor für Epidemiologie und Biometrie und Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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