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„Die Effektivität der Corona-Impfstoffe ist insgesamt wirklich sehr gut“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Mertens

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Die Impfungen gegen das Coronavirus haben in Deutschland begonnen, aber gleichzeitig ist die Impfbereitschaft der Bevölkerung eher gering. Aktuelle Umfragen listen diese für Ende Dezember bei nur 57 Prozent. Verwundert Sie die geringe Bereitschaft?

Die niedrigen Zahlen in Bezug auf eine mögliche Corona-Impfung sind nicht ganz so einmalig, wie es teilweise dargestellt wird. Insgesamt ist diese Bereitschaft bei Erwachsenen eher gering und liegt beispielsweise bei der Grippeimpfung sogar deutlich unter 50 Prozent. Als STIKO beschäftigen wir uns seit Jahren mit Fragen der Impfbereitschaft bei der Grippeimpfung und beobachten, dass diese insbesondere bei älteren Menschen in den letzten zehn Jahren merklich abgenommen hat. Aber ich bin der Meinung, dass die momentanen Umfrageergebnisse zur COVID-19 Impfung nicht überbewertet werden sollten und halte es für plausibel, dass die Impfbereitschaft in den nächsten Monaten auch wieder wächst.

„Aktuell gibt es eine Vielzahl an Informationen, die auf die Menschen einprasseln und auf Basis derer eine Entscheidung schwerfällt, da sie sich mit den konkreten Hintergründen und Fakten in der Regel nicht auskennen.“

Worauf ist die Skepsis Ihrer Meinung nach zurückzuführen und was wird sich daran ändern?

Aktuell gibt es eine Vielzahl an Informationen, die auf die Menschen einprasseln und auf Basis derer eine Entscheidung schwerfällt, da sie sich mit den konkreten Hintergründen und Fakten in der Regel nicht auskennen. Im Internet findet man die abenteuerlichsten Geschichten und gleichzeitig wird es immer schwerer, gute und korrekte Informationen an die Bevölkerung heranzutragen. Meine Hoffnung ist aber, dass insgesamt die Impfbereitschaft wächst, wenn die grundsätzlich positiven Effekte der Impfung in den Vordergrund treten, die Zahl der Neuinfektionen abnehmen und sich gleichzeitig auch die anfängliche Informationsflut und daraus resultierende Unsicherheiten und vielleicht auch irrationale Ängste etwas gelegt haben.

Eine dieser Unsicherheiten betrifft die Schnelligkeit bei der Entwicklung des Impfstoffs zu Lasten der Impfstoffsicherheit. Was entgegnen Sie dieser Kritik?

Die mRNA-Technologie, auf der die aktuell zugelassenen Impfstoffe beruhen, wird bereits seit über 20 Jahren intensiv erforscht und war zum Zeitpunkt der Impfstoffentwicklung bereits in einem sehr ausgereiften Zustand. In den Fachkreisen ist die Methode längst etabliert, aber die Öffentlichkeit hat davon lange Zeit kaum Kenntnis genommen. Und der besondere Charme dieser Technologie ist, dass man mit der entsprechenden Basis sehr schnell die konkrete Notwendigkeit der Impfung gegen das Coronavirus adaptieren konnte. Gleiches gilt übrigens auch für mögliche Mutationen des Virus – dank der Technologie ließe sich auch dann der Impfstoff sehr schnell anpassen und das kann ein großer Vorteil sein.

Auch an der Neuartigkeit des Impfstoffs gibt es Kritik – so bestehen Sorgen einer möglichen Erbgutveränderung durch die Impfung. Halten Sie diese für berechtigt?

Die Sorgen einer möglichen Erbgutveränderung am Menschen durch den Impfstoff halte ich nicht für berechtigt. Und dies aus drei Gründen: Generell kann Fremd-DNA oder RNA von menschlichen Zellen aufgenommen werden und dies findet auch permanent statt. Schon wenn man ein Steak isst, lässt sich die DNA von dem Rind im menschlichen Blut finden und auch bei einer Virusinfektion ist natürlich viel Virus-RNA im menschlichen Organismus nachweisbar. Aber man muss es eben in den richtigen Kontext stellen! Denn allgemein gilt: RNA ist etwas ganz anderes als die DNA und kann nicht ohne weiteres in die DNA im Zellkern eingebaut werden. Die mRNA des Impfstoffs gelangt nämlich in das Zytoplasma an die Orte der natürlichen Eiweißsynthese und wird nach kurzer Zeit wieder abgebaut. Und schließlich ist das noch weit weg von der Aufnahme der DNA in die Keimbahnzellen und der Weitergabe der genetischen Information an die kommenden Generationen. Insgesamt können wir also nicht davon ausgehen – und es finden sich in den Untersuchungen auch keine Hinweise – dass von der Impfung eine Gefährdung für unser Erbgut ausgeht.

Eine andere Kritik bezieht sich auf die Wirkung der Corona-Impfung. Wogegen schützt diese konkret – gegen die Infektion mit dem Coronavirus oder gegen eine Covid-19-Erkrankung?

Auch wenn es im Sprachgebrauch und der Berichterstattung leider häufig durcheinander geht, muss man klar zwischen Erkrankung und Infektion unterscheiden. Die Impfung und alle damit verbundenen Aussagen betreffen zunächst nur die Erkrankung. Daten, die uns Aufschluss darüber geben, wie sehr der Impfstoff auch vor Infektionen schützt, liegen noch nicht vor. Wahrscheinlich wird der Impfstoff nicht vollständig vor Infektionen schützen, das gilt allerdings auch für andere Impfungen wie beispielsweise gegen Röteln. Aber die entscheidende Frage ist, wie viel Viruslast eine geimpfte Person bei einer Infektion überhaupt noch ausscheiden kann und ob das ausreicht, um andere Personen zu infizieren.

„Insgesamt ist die Effektivität des Impfstoffs unerwartet hoch und das ist sehr erfreulich.“

Für die aktuell in Deutschland zugelassenen Impfstoffe wird eine Effektivität von 95 Prozent (BioNTech/Pfizer), bzw. 94,5 Prozent (moderna) angegeben. Bedeutet das im Umkehrschluss, dass 5-10 Prozent der Geimpften dennoch an Corona erkranken können?

Ja, es ist aufgrund der bisherigen Studien davon auszuzehen, dass circa 5 Prozent der Geimpften, nicht nur infiziert werden, sondern dennoch an Covid-19 erkranken. Aber man wird genau beobachten, ob diese Menschen gegenüber ungeimpften Personen milder erkranken oder nicht. Dazu ist die Datenlage momentan noch sehr dünn. Dennoch ist zu erwarten, dass eine Impfung auch den Verlauf einer Erkrankung abschwächt, sollte eine Erkrankung trotz Impfung auftreten. Insgesamt ist die Effektivität des Impfstoffs unerwartet hoch und das ist sehr erfreulich.

Bei Grippeimpfungen liegt die Effektivität laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) im Schnitt zwischen 60-70 Prozent, in manchen Jahren noch geringer. Wie lässt sich die Effektivität im Vergleich zu anderen Impfungen insgesamt einordnen?

Die Effektivität der Corona-Impfstoffe muss man insgesamt als wirklich sehr gut bezeichnen! Sie liegt in ähnlicher Größenordnung wie viele andere Schutzimpfungen, wie beispielsweise Masern, Mumps oder Röteln. Dort liegt die Effektivität bei entsprechender Lagerung bei etwa 97-98 Prozent. Besonders hervorzuheben ist aber, dass die Effektivität der Corona-Impfstoffe auch bei älteren Menschen nicht geringer zu sein scheint. Und das ist nicht selbstverständlich, aber eben ganz wichtig. Denn wenn wir sagen, wir müssen zuerst die Hochrisikogruppen impfen, um sie vor Covid19-Erkrankungen, Krankenhausbehandlung und Tod zu schützen, dann hängt das auch davon ab, dass der Impfstoff insbesondere in dieser Altersgruppe wirksam ist.

Bei all den positiven Meldungen bleibt allerdings eine breit angelegte Komunikationskampagne in Deutschland bislang noch aus. Warum findet diese noch nicht statt und wie sollte eine proaktive Impfkommunikation aussehen?

Für eine großflächige Kommunikationskampagne gab es bereits viele Überlegungen und intensive Diskussionen in einer eigens geschaffenen Bund-Länder-Kommission unter Einbezug der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) und des RKI haben bereits stattgefunden. Aber die öffentliche Sichtbarkeit der Informationskampagne empfinde ich momentan als noch zu schwach und ich bin auch etwas enttäuscht, dass bislang noch keine größere Kampagne angelaufen ist. Ich hoffe allerdings und bin optimistisch, dass eine solche Kampagne in den kommenden Wochen noch stärker sichtbar wird. Entscheidend wir aber auch sein, dass diese auf verschiedensten Kanälen zeitgleich passieren müsste. Denn eine reine Plakataktion halte ich nicht für zeitgemäß. Vielmehr müssten auch die modernen Informationskanäle mitgedacht werden, die von den entsprechenden Zielgruppen auch genutzt werden, um tatsächlich möglichst viele Menschen in Deutschland zu erreichen.

Zur Person

Der Virologe Prof. Dr. Thomas Mertens ist Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut. Bis 2018 leitete er zudem das Institut für Virologie an der Universität Ulm.

ProF. Dr. Mertens
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