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Neue Studie: Fernsehen schadet dem Kinderschlaf

Ein Gespräch mit Dr. med. Jon Genuneit

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Wir würden gerne erfahren, was Sie persönlich über Digitalisierte Kindheit denken und wie Ihnen die-debatte.org gefällt. Nehmen Sie hier an unserer 5-minütigen, anonymen Umfrage teil. Die Antworten werden von der Abteilung für Kommunikations- und Medienwissenschaften der TU Braunschweig in einem begleitenden Forschungsprojekt ausgewertet.

 

Was genau haben Sie in der Studie untersucht?

Die Ulmer SPATZ Gesundheitsstudie ist eine breit angelegte Studie über Kindergesundheit. Wir haben ca. 1000 Kinder, die 2012 und 2013 in Ulm zur Welt gekommen sind, in die Studie eingeschlossen. Ein Fokus der Studie liegt dabei auf psychosozialen Faktoren in den Familien und bei den Kindern. So haben wir ab dem Alter von zwei Jahren die Schlafqualität erhoben und ab dem dritten Lebensjahr dann auch den Medienkonsum miteinbezogen.

Es hat uns besonders interessiert in welchem Zusammenhang diese beiden Parameter stehen, weil es zum einen Studien gibt, die einen Zusammenhang zeigen, zum anderen diese aber oft nicht mehr auf dem neuesten Stand sind. Das liegt vor allem daran, dass sich die Art und Weise wie wir Medien konsumieren in den letzten Jahren durch die Digitalisierung stark verändert hat.

Was unterscheidet Ihre Studie von anderen?

Unsere Daten sind sehr aktuell und die Kinder sind bei der Befragung alle in etwa gleich alt, nämlich 3 Jahre. Das ist ein Vorteil, weil sich Medienkonsum und Schlafqualität beide permanent entwickeln. Da hilft eine homogene Gruppe natürlich. Trotzdem muss man beachten, dass die Studie nur im Ulmer Raum stattgefunden hat – die Ergebnisse sind also nicht unbedingt auf andere Lebensräume oder Kulturen übertragbar. So haben knapp 60 Prozent unserer Mütter Abitur und wir gehen generell davon aus, dass unsere Daten eher aus höheren Bildungsschichten stammen, weil es eben der Schnitt in dieser Region ist.

„Wir konnten aufzeigen, dass Kinder, die mehr Medienkonsum haben, im Durchschnitt eine schlechtere Schlafqualität haben.”

Wie wurden die Daten erhoben und was genau haben Sie abgefragt?

Wir haben für 530 Kinder Fragebögen zurückerhalten, was relativ viel ist für eine Studie dieser Art. Wir haben dabei vier Dinge abgefragt in puncto Medienkonsum und zwar: Wie lange beschäftigt sich ihr Kind durchschnittlich pro Tag mit Fernsehen, Computerspielen oder Spielekonsolen, sonstiger Computer- und Internetnutzung, oder mit Büchern. Das unterscheidet uns ebenfalls von anderen Studien, da nur selten Daten zum Gebrauch von Büchern erhoben werden.

Außerdem haben wir einen standardisierten validierten Fragebogen mit dem Namen „Children‘s-Sleep-Habits-Questionnaire“ eingesetzt, um die Schlafqualität zu messen. Aus diesem Fragebogen wird dann mit Hilfe eines Punktesystems errechnet, wie die Schlafqualität ist. Je höher der Wert, desto schlechter der Schlaf.

Was haben Sie herausgefunden?   

Fernsehen und DVDs machen nach wie vor den größten Teil des Medienkonsums der Kinder in diesem Alter aus. Wir haben beispielsweise zeigen können, dass jedes siebte Kind ein bis zwei Stunden Fernsehen guckt, was in diesem Alter deutlich zu viel ist. Auf der anderen Seite hatten 40 Prozent keinen Kontakt mit Büchern, was überraschend viel ist.

Wir konnten ebenso aufzeigen, dass Kinder, die mehr Medienkonsum haben, im Durchschnitt eine schlechtere Schlafqualität haben. Wir haben dabei nicht nur den Gesamtwert angeschaut, sondern uns auch die einzelnen Fragen genauer vorgenommen. So konnte man sehen, dass die Angst vor dem Einschlafen in Dunkelheit und die Angst vor dem alleine Schlafen wie auch zum Teil das nächtliche Erwachen besonders stark durch den Fernsehkonsum betroffen sind. Ebenso konnte man erkennen, dass der Konsum von Büchern sich positiv auf die Schlafqualität auswirkt.

„Digitale Medien gehören nicht in Kinderhände und wenn überhaupt, dann unter Aufsicht der Eltern.”

Ist dieser Zusammenhang denn tatsächlich kausal?

Was wir gemacht haben nennt man Beobachtungsstudie, mit einer solchen Studie kann man nie einen kausalen Zusammenhang belegen. Da gibt es immer Fehlerquellen. So machen Menschen nicht immer wahrheitsgemäße Angaben und auch die Bevölkerungsgruppe ist nicht hundertprozentig repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Solche Einschränkungen gelten aber teilweise auch für andere Studienarten.

Trotzdem gibt die Studie klare Hinweise darauf, dass es einen Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Schlafqualität gibt. Dabei scheint nicht entscheidend, welches Endgerät genutzt wird, sondern wie lange die Kinder den Medien ausgesetzt sind. Und es ist davon auszugehen, dass diese Dosis zunimmt, da wir eine höhere Mobilität und Variabilität von Endgeräten haben.

Sind Sie also dafür digitale Medien generell aus dem Leben unserer Kinder zu verbannen?

Digitale Medien sind längst ein Teil unseres täglichen Lebens und sie sind auch nicht per se schlecht. Deshalb brauchen wir hier einen gesellschaftlichen Diskurs. Aus meiner Sicht, auch gestützt auf die Ergebnisse unserer Studie, gehören digitale Medien nicht in Kinderhände und wenn überhaupt, dann unter Aufsicht der Eltern. Diese Botschaft sollten wir nach außen vermitteln. Denn die im späteren Leben erforderliche Medienkompetenz erlernt ein dreijähriges Kind nicht – es muss erstmal die Welt kennenlernen und lernen zu abstrahieren. Medien sind omnipräsent und es ist auch nichts dagegen einzuwenden, sie in Schulen zu integrieren, wenn dies unter Betreuung stattfindet. Es ist aber keine Lösung Medien als digitale Babysitter zu nutzen. Diese Meinung spiegelt auch eine Empfehlung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin zum Medienkonsum wieder, deren Inhalt Eltern gut als Richtschnur verwenden können.

Zur Person

Dr. med. Jon Genuneit arbeitet am Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie der Universität Ulm und ist Leiter der Ulmer SPATZ Gesundheitsstudie.

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