„Die Friedens- und Konfliktforschung hat mehr Einfluss, als sie sich das selbst klarmacht.”

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Ein Gespräch mit Prof. Dr. Ulrich Schneckener

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Was bedeutet Frieden aus wissenschaftlicher Perspektive?

Es gibt eine Unterscheidung zwischen „positivem Frieden“ und „negativem Frieden“. Der negative Frieden ist die Abwesenheit von Krieg oder Gewalt, also ein Zustand in dem es keine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Akteuren gibt. Der positive Frieden geht viel weiter, denn für dauerhaften und nachhaltigen Frieden bedarf es mehr. Dabei geht es um institutionelle Fragen, um ökonomische Fragen, um soziale Fragen und auch um sozialpsychologische Fragen. Wie kann eine Gesellschaft friedlich miteinander umgehen? Wie kann das Zusammenleben organisiert werden? Da kommen wir noch in viele weitere Themenfelder hinein. Insofern gibt es einen weiteren und einen etwas engeren Begriff von Frieden. Diese Definition ist weitgehend Konsens und die Friedens- und Konfliktforschung bewegt sich im Endeffekt auf beiden Feldern.

„Wenn man sich das Feld der Migrations- und Integrationsforschung anschaut, findet man dort ganz viele Bezüge zur Friedens- und Konfliktforschung.”

Welche Forschungsdisziplinen beschäftigen sich mit der Friedens- und Konfliktforschung?

Die Friedens- und Konfliktforschung ist heute ein breites Forschungsfeld, weil sie sich sowohl mit dem internationalen als auch mit dem innergesellschaftlichen Frieden auseinandersetzt. Also mit Fragen von Weltordnung und zwischenstaatlichen Beziehungen, aber eben auch mit Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen bis herunter auf die lokale Ebene. Zu all diesen Feldern gibt es Forschung und Projekte. Bei vielen Themen ist es gar nicht so leicht zu sagen, ob das noch zur Friedens- und Konfliktforschung zählt. Die Friedens- und Konfliktforschung ist selbst keine Disziplin, sondern besteht aus verschiedenen Disziplinen wie Sozialwissenschaften, Völkerrecht, Geschichte, Psychologie, Ökonomie, Naturwissenschaften, Technikwissenschaften oder Ethnologie. Sie alle können Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung leisten und tun das auch. Manchmal ist das klar gekennzeichnet und manchmal eben nicht.

Wenn man sich beispielsweise das Feld der Migrations- und Integrationsforschung anschaut, findet man dort ganz viele Bezüge zur Friedens- und Konfliktforschung. Dabei geht es mehr um Fragen, die uns in Deutschland beschäftigen. Wie kann gesellschaftlicher Zusammenhalt entstehen? Wie gehen Alteingesessene mit Neuankömmlingen um? Welche gesellschaftlichen Konflikte entstehen dadurch? Wie müssen sich Politik und Gesellschaft darauf einstellen? Das sind alles klassische Fragen der Friedens- und Konfliktforschung.

Mit welchen Forschungsschwerpunkten beschäftigt sich die Friedens- und Konfliktforschung aktuell?

Forschungsanträge im Themenbereich Migration und Flucht haben sicherlich deutlich zugenommen. Das ist nicht das Feld, auf dem die Friedens- und Konfliktforschung typischerweise angesiedelt ist; sie beschäftigt sich vielmehr mit Konflikten andernorts. Das verschiebt sich jetzt jedoch etwas und man thematisiert stärker die Konflikte im eigenen Land. In den 1970er Jahren gab es bei der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung eine Forschungsgruppe zur Friedenspädagogik, die sich mit der inneren Dimension, also dem Frieden hierzulande, und mit Friedenserziehung beschäftigt hat. Dieses Themengebiet hat jetzt eine gewisse Aktualität erfahren rund um das Thema Flucht und Integration.

„In der deutschen Außenpolitik kann man heutzutage besser und differenzierter auf weltweite Anforderungen reagieren.”

Finden sich innerhalb der Friedens- und Konfliktforschung Kontroversen?

Natürlich, es gibt verschiedene Debatten. In der Friedens- und Konfliktforschung haben wir ethische Auseinandersetzungen, vor allem in Bezug auf den Einsatz neuer Technologien, wie beispielsweise Drohnen, die ja sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Insofern ist das eine Frage von ethischen Standards. Werden diese durchgesetzt? Und was passiert, wenn sich Leute nicht daran halten?

Eine andere Debatte ist die Rechtfertigung von militärischer Intervention. Es gibt Wissenschaftler mit pazifistischer Tradition, die das grundsätzlich ablehnen, aber auch Wissenschaftler die sagen, dass ein solcher Einsatz in manchen Fällen im Völkerrecht vorgesehen ist. Einerseits ist es ein problematischer Ansatz, wenn man glaubt, mit Gewalt anderer Gewalt Einhalt gebieten zu können, denn jeder Gewalteinsatz setzt neue Dynamiken frei. Andererseits ist es natürlich auch problematisch, wenn irgendwo Gewalt in massiver Weise stattfindet und der Rest der Welt zuschaut. Man stellt sich die Frage des Gewalteinsatzes auf internationaler Ebene auch mit Blick auf Akteure, die dies können und wollen.

Eine andere Diskussion der letzten Jahre war die Frage von Peacebuilding. Wie sieht eigentlich der Übergang von einer Nachkriegsgesellschaft hin zu einer friedlichen Gesellschaft aus, die mit ihren Konflikten auf eine konstruktive Weise umgehen kann? Es gibt eine Kontroverse um das sogenannte „Liberal Peacebuilding“, das vorsieht, sowas wie ein Ideal von marktwirtschaftlichen Demokratien herzustellen. Diesen Ansatz sehen viele als völlig gescheitert an. Es gibt dagegen eine ganze Reihe von Ansätzen, die stärker an der lokalen Ebene ansetzen, die versuchen ein weniger ambitioniertes Programm zu fahren und die stärker stabilitätsorientiert sind. Sie sind stärker an lokalen Ressourcen und lokalen Akteuren interessiert.

Haben Sie das Gefühl, dass die Erkenntnisse, die das Forschungsfeld hervorgebracht hat, in Deutschland ihren Weg in die Politik finden und ernst genommen werden?

In Deutschland kann man schon deutliche Veränderungen sehen. Es wurden sehr stark Themen, Begriffe sowie Instrumente, die in der Friedens- und Konfliktforschung entwickelt wurden, aufgegriffen und sind sozusagen in das politische Handwerkszeug und den ganzen Apparat eingeflossen. Zum Beispiel gibt es jetzt im Auswärtigen Amt eine ganze Abteilung zum Krisenmanagement. Zusätzlich gibt es eine Diskussion in der Entwicklungspolitik darüber, dass man konfliktsensitiv an Fragen der Entwicklungspolitik herangeht, damit diese selbst kein Faktor ist, der lokale Konflikte verschärft. Das sind schon Entwicklungen bei denen man sagen kann, dass sich der Blickwinkel auf das eigene Politikfeld und auf die Frage, wie man Außenpolitik und Entwicklungspolitik macht, geändert hat. Die Friedens- und Konfliktforschung hat da durchaus mehr Einfluss, als sie sich das selbst manchmal klarmacht. In der deutschen Außenpolitik kann man daher heutzutage besser und differenzierter auf weltweite Anforderungen reagieren.

Zur Person

Prof. Dr. Ulrich Schneckener ist Professor für Internationale Beziehungen & Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Osnabrück. Er ist zudem Vorstandsvorsitzender der Deutschen Stiftung Friedensforschung.

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