Herausforderung Superhirn

Wie muss das Bildungssystem mit begabten Kindern umgehen?

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Erst kürzlich ging wieder das Bild eines außergewöhnlichen Kindes um die Welt: Der achtjährige Laurent aus den Niederlanden hat gerade sein Abitur bestanden und möchte jetzt im Herbst ein Mathematikstudium beginnen. Mit einem IQ von 145 gehört er statistisch gesehen zu den intelligentesten 0,1 Prozent seiner Altersgruppe. Als hochbegabt würde er bereits mit einem IQ von über 130 gelten. Ein Wert, den nur zwei Prozent der Menschen in einem IQ-Test erreichen.

„Hochbegabte sind nicht häufiger negativ auffällig als durchschnittlich Begabte.”

Prof. Dr. Detlef H. RostPhilipps-Universität Marburg

Eine so rasante Schullaufbahn wie Laurent haben allerdings die wenigstens hochbegabten Kinder. Es kommt zuweilen sogar vor, dass Hochbegabte gar nicht durch gute Schulleistungen auffallen. „Ungefähr 15 Prozent von ihnen sind sogenannte ,Underachiever’, deren Leistungen in der Schule deutlich unter dem Durchschnitt liegen”, sagt der Psychologe Prof. Dr. Detlef H. Rost, der an der Philipps-Universität Marburg und der Universität Südwestchinas in Chongqing lehrt. Zudem komme es vor, dass sich hochbegabte Kinder an das Leistungsniveau in ihrem Umfeld anpassen. „Besonders bei Mädchen ist das dokumentiert. Im Kindergarten malen sie Strichmännchen wie alle anderen auch, aber zu Hause malen sie die Prinzessin mit Krone, Kleid und Schmuck“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Dagmar Bergs-Winkels von der HAW Hamburg, die sich mit Begabungsförderung in der frühkindlichen Bildung beschäftigt.

Detlef Rost betont jedoch, dass Hochbegabte im Schnitt erfolgreicher durch die Schule kämen als ihre Mitschüler. Dies konnte er im Rahmen des Marburger Hochbegabtenprojekts feststellen, das seit 1987 die Entwicklung von hochbegabten Kindern zu Erwachsenen untersucht. „Hochbegabte sind sowohl in ihrem Sozialverhalten als auch in ihren Schulleistungen nicht häufiger negativ auffällig als durchschnittlich Begabte.”

„Häufig bekommen begabte Kinder Extraaufgaben. Aber einfach nur mehr als andere zu machen, ist kein besonderer Anreiz für sie.“

Prof. Dr. Dagmar Bergs-Winkels, HAW Hamburg

Der Schulalltag bietet jedoch für besonders begabte Kinder oft nicht genügend Anreize. „Sie langweilen sich häufig und müssen warten. Das ist nicht nur persönlich frustrierend, sondern auch für die Gesellschaft wenig nützlich, wenn man ihnen keine entsprechenden Möglichkeiten der persönlichen Weiterentwicklung bietet”, sagt Prof. Dr. Christian Fischer vom Internationalen Centrum für Begabungsforschung in Münster. „Eigentlich sollte jedes Kind die Möglichkeit haben, die individuellen Potenziale weiterzuentwickeln – unabhängig davon, ob sie besondere Unterstützung oder besondere Herausforderungen brauchen. Das ist in Deutschland noch nicht immer der Fall.“ In den internationalen Schulstudien IGLU und TIMSS, die in den vergangenen Jahren an deutschen Grundschulen durchgeführt wurden, zeigte sich, dass es zwar Unterstützungsangebote für schwächere Schüler gebe, leistungsstarke Schüler aber oft nicht in ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert würden.

In den meisten Landesschulgesetzen ist mittlerweile das „Recht auf individuelle Förderung” formuliert, gedacht in beide Richtungen: sowohl für Schüler mit Unterstützungsbedarf als auch für Schüler, die besondere Herausforderungen im Lernalltag benötigen. In der Praxis scheitert die individuelle Förderung aber oft am System. Für Erzieher und Lehrer stellt sie eine riesige Herausforderung dar, da sie sich in der Regel um eine große und heterogene Gruppe kümmern müssen. „Häufig bekommen begabte Kinder Extraaufgaben. Aber einfach nur mehr als andere zu machen, ist kein besonderer Anreiz für sie. Oder es wird versucht, sie zu Hilfserziehern zu machen. Das ist zwar eine Zeit lang spannend und sie lernen viel dabei, aber irgendwann ist auch das langweilig“, sagt Dagmar Bergs-Winkels.

In einigen Bundesländern gibt es aus diesem Grund bereits spezielle Hochbegabtenklassen oder Schulen, in die ausschließlich Hochbegabte gehen dürfen. Christian Fischer findet es jedoch aus pädagogischer Sicht besser, möglichst eine Schule für alle zu realisieren: „Mit entsprechenden Konzepten von innerer Differenzierung und entsprechenden Aufgabenformaten kann hier viel erreicht werden. Zudem können leistungsschwächere Schüler von leistungsstarken eine kognitive Aktivierung erfahren.” Der Erziehungswissenschaftler plädiert zusätzlich für Maßnahmen der äußeren Differenzierung in Form von „Pull-out-Programmen“ wie etwa dem „Drehtür-Modell“, das bereits in einigen Grundschulen und in der Mittelstufe weiterführender Schulen in Nordrhein-Westfalen umgesetzt wird. Hierfür werden Kinder für eine bestimmte Zeit aus der Klasse herausgenommen, um beispielsweise Projektarbeiten zu realisieren. Dabei arbeiten sie mit Hilfe von Lernstrategien intensiv an einem Thema ihrer Wahl und haben zusätzlich die Herausforderung, in der Klasse später den regulären Lernstoff nachzuholen.

„Kinder werden häufig nur in ihren Schwierigkeiten adressiert und man schaut wenig, welche Stärken sie haben.”

Prof. Dr. Christian Fischer, Internationales Centrum für Begabungsforschung

Auf Bundesebene läuft seit diesem Jahr das Projekt „Leistung macht Schule“, das zum Ziel hat, besonders leistungsstarke und potenziell besonders leistungsfähige Schüler zu erkennen und zu fördern. Dabei soll auch untersucht werden, wie die Förderung dieser Kinder und Jugendlichen besser in den Regelunterricht integriert werden kann. Als Kriterium für die Förderung spielt der IQ jedoch eine untergeordnete Rolle. „Unterforderung betrifft mehr Schüler, als nur die obersten zwei Prozent”, sagt Fischer. Rost weist darauf hin, dass es in der Schullaufbahn zudem um mehr geht, als nur um gute kognitive Voraussetzungen: „Wer nicht richtig lernt und wer nicht motiviert ist, kann trotz eines hohen IQs schlechte Arbeiten schreiben. Umgekehrt muss man nicht außergewöhnlich begabt sein, um gute Schulleistungen zu erbringen.”

„Viel wichtiger als die absolute Begabungshöhe ist ohnehin das Begabungsprofil,” sagt Fischer. Ein Kind könne etwa ausgeprägte mathematische Stärken aufweisen, sprachlich aber vielleicht gewisse Schwierigkeiten haben. Er wünsche sich allgemein einen weiteren Blickwinkel: „Begabungsförderung sollte sich an alle Kinder richten. Kinder werden häufig nur in ihren Schwierigkeiten adressiert und man schaut wenig, welche Stärken sie haben.”

Auch Bergs-Winkels hält den Fokus auf die Kompetenzen von Kindern für besonders wichtig: „Oft geht es nur darum, dass Kinder funktionieren und schulfähig gemacht werden. Die Schule müsste sich aber eigentlich besser an die Kinder anpassen und schauen, was sie tatsächlich brauchen. Dass ein Kind in allem immer der oder die Beste sein muss, ist ohnehin nicht die Zielsetzung der Begabtenförderung.“ Erziehern, Eltern und Lehrern rät sie daher bei der Thematik vor allem zu einem: mehr Gelassenheit.

 

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