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„Wir schätzen die Schäden in Deutschland auf fast 13 Milliarden Euro”

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Matthias Dieter

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Prof. Dieter, welchen Beitrag leisten Wälder in Bezug auf das Klima und die Umwelt?

Wälder haben eine große Bedeutung für Klima und Umwelt: Einerseits sind Wälder wichtig für den Wasserkreislauf. Sie halten Wasser zurück, bewahren vor Überschwemmungen und sorgen für ein feuchtes, ausgeglichenes Klima. Andererseits sind sie Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten. Wälder sind aber auch für die Klimastabilität wichtig, denn sie nehmen, wie alle Pflanzen, CO2 durch Photosynthese aus der Atmosphäre. Darüber hinaus haben sie die besondere Fähigkeit, CO2 lange in den Bäumen zu speichern. Damit erfüllen sie eine wichtige Leistung für den Klimaschutz.

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel bisher auf die Forstwirtschaft in Deutschland?

Der Klimawandel hatte in den letzten zwei Jahrzehnten zunächst einen positiven Einfluss auf die Forstwirtschaft, weil die Vegetationsperioden länger geworden sind und der CO2-Gehalt in der Atmosphäre durch die zunehmende Verbrennung von fossilen Brennstoffen angestiegen ist. Das hat das Wachstum der Wälder beflügelt. Allerdings nur, so lange ausreichend Wasser vorhanden war. In den Jahren 2018 bis 2020 haben wir erlebt, wie Extremereignisse diesen graduellen Vorteil zunichtemachen. Vor allem das Zuwenig an Wasser sowie Stürme – das sind die Ereignisse, die der Forstwirtschaft stark schaden. Extreme Trockenzeiten schwächen die Bäume. Dann nehmen Schädlinge wie der Borkenkäfer Überhand. So wurden große Flächen an Waldbeständen in einem Ausmaß zerstört, das in der Forstwirtschaft so noch nicht beobachtet wurde. Und die Forstwirtschaft ist ein Jahrhunderte altes Geschäft. Viele Experten gehen davon aus, dass wir regelmäßig solche Schadereignisse haben werden.

„In der planmäßigen Forstwirtschaft ist genau austariert, wie viel Holz in einer Periode zuwächst und wie viel man aus dem Bestand herausnehmen kann. Wenn man also derart große Schadereignisse hat, wie jetzt 2018 bis 2020 mit Schadvolumen allein in Deutschland von insgesamt etwa 180 Millionen Kubikmetern, dann geht zukünftiges Nutzungspotenzial verloren.“

Wie genau sieht der Schaden aus?

Der Schaden besteht für die Forstwirtschaft zunächst in abgebrochenen oder abgestorbenen Bäumen. Damit verlieren Forstbetriebe ihr Kapital. In der Forstwirtschaft ist das Besondere, dass das Produktionsmittel, der Wald, gleichzeitig auch das Produkt ist. In der planmäßigen Forstwirtschaft ist genau austariert, wie viel Holz in einer Periode zuwächst und wie viel man aus dem Bestand herausnehmen kann. Wenn man also derart große Schadereignisse hat, wie jetzt 2018 bis 2020 mit Schadvolumen allein in Deutschland von insgesamt etwa 180 Millionen Kubikmetern, dann geht zukünftiges Nutzungspotenzial verloren. Zudem kommt das Holz zu Zeiten auf den Markt, in denen dieser überfüllt ist, weshalb nur noch geringe Preise bezahlt werden. Außerdem können Erreger das Holz entwerten, weil es verfault oder Verfärbungen entstehen. Was Forstbetriebe außerdem belastet, ist, dass sie nach solchen extremwetterbedingten Zwangsrodungen große Flächen verjüngen müssen.

Wie funktioniert das?

In der normalen nachhaltigen Waldwirtschaft wird eine Verjüngung des Baumbestands immer „unter Schirm“ eingeleitet. Das heißt, durch erste Auflichtungen bekommen natürlich nachwachsende Bäume Licht um sich zu entwickeln, zum Teil werden auch neue Bäume zwischen den alten Bäumen gepflanzt. Die Altbäume werden schrittweise geräumt, während sich unter ihnen ein neuer Bestand bildet. Bei Schadereignissen sind die Schäden oft so groß, dass das gesamte Alt-Holz geräumt werden muss, um den Wald wieder neu verjüngen zu können. So bleiben große Flächen, auf denen viele Möglichkeiten der natürlichen Verjüngung hinfällig sind. Das bedeutet, dass man Bäume systematisch pflanzen und vielleicht auch bewässern muss, damit sie anwachsen. Damit sind hohe Kosten für die Betriebe verbunden.

„Wir schätzen die Schäden in Deutschland auf fast 13 Milliarden Euro”

Welche finanziellen Auswirkungen hat der Klimawandel auf die Forstwirtschaft?

Wir schätzen die Schäden der Jahre 2018 bis 2020 in Deutschland auf fast 13 Milliarden Euro. Das ist ein relativ hoher Betrag, der nicht nur den direkten Verlust und die Mindererlöse einschließt, sondern auch weitere Kosten, zum Beispiel für die Wiederbegründung von Kulturen oder den Verlust durch schlechtes Wachstum.

Wie kann der Wald an die Klimafolgen angepasst werden?

Das ist die große Frage und dazu gibt es zwei unterschiedliche Lager. Die einen sagen, man muss die Natur nur machen lassen. Das heißt: keine menschliche Intervention und die Pflanzen, die kommen, wachsen lassen. Dagegen spricht aus meiner Sicht, dass die heutigen Elternbäume an das Klima der Vergangenheit angepasst sind. Sie sind aber nicht notwendigerweise die Pflanzen, die besonders gut an ein trockenes, warmes oder wechselhaftes Klima angepasst sind. Das war in der Vergangenheit gar kein Kriterium. Das führt mich zur Strategie, die von anderen Expert*innen bevorzugt wird: Sie sagen, man muss gezielt die Herkünfte von Baumarten betrachten und beispielsweise Buchen aus Gegenden pflanzen, in denen das Klima in der Vergangenheit schon besonders trocken, warm oder wechselhaft war. So kann man eine aktive Anpassung vornehmen. Das kann so weit gehen, dass man fremde Baumarten in Deutschland einführt. Mit solchen Bäumen würde man versuchen, den Wald stabiler gegen das zukünftige Klima zu machen. Ich glaube grundsätzlich, dass man diese unterstützte Migration von Baumarten eher als Lösung ansehen sollte, es ist aber sicherlich auch nicht schädlich, bestimmte Flächen sich selbst zu überlassen und daraus zu lernen. Aus Klimaschutzsicht brauchen wir in jedem Fall wuchskräftige Wälder, die damit auch eine hohe Produktivität aufweisen und viel CO2 aus der Atmosphäre nehmen und im Holz speichern.

„Etwa ein Viertel des Waldes in Deutschland müsste man unbedingt umbauen, um die Flächen bis 2050 besser an den Klimawandel und an Trockenzeiten anzupassen.“

Wie viel müsste in den Waldumbau investiert werden?

Etwa ein Viertel des Waldes in Deutschland müsste man unbedingt umbauen, um die Flächen bis 2050 besser an den Klimawandel und an Trockenzeiten anzupassen. Kolleg*innen sind in einer Untersuchung zu dem Schluss gekommen, dass allein für diesen Waldumbau Kosten von 14 bis 43 Milliarden Euro veranschlagt werden müssen. Wenn es zu weiteren schweren Hitzewellen, Sturmschäden oder anderen Schadereignisse kommt, dann entstehen zusätzliche Kosten, die in diesen Berechnungen noch gar nicht enthalten sind. Diese zusätzlichen Kosten haben wir bisher noch nicht berechnet, weil die nächste Trockenzeit, der nächste Sturm oder der nächste Waldbrand nicht abschätzbar sind.

Was bedeutet es für die Zukunft, wenn jetzt nicht investiert wird?

Das wäre auf jeden Fall nachteilig für das Klima. Man muss die Zeit nutzen und die freien Flächen möglichst bald wieder bepflanzen, so dass dort Wald wachsen kann, der Kohlenstoff speichert. Wird das nicht getan, können wir nur in die Natur vertrauen, aber mit den vorher genannten Einschränkungen. Man hat heute noch wenig Erfahrung, was für Baumarten und Qualitäten auf sich natürlich verjüngenden großen Freiflächen entstehen. Wenn die Bäume für die Industrie unbrauchbar sind, dann sind damit hohe volkswirtschaftliche Kosten verbunden. Wenn daher jetzt nicht investiert wird und wir die Flächen nicht geeignet verjüngen, hat das negative Auswirkungen auf die Weiterverarbeitung von Holz und auch auf den Klimaschutzbeitrag, den der Wald Tag für Tag leistet.

Zur Person

Prof. Dr. Matthias Dieter ist Leiter des Instituts für Internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie am Thünen-Institut.

Foto: Thünen-Institut

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