Foto: Techniker Krankenkasse (CC-BY-NC 2.0)

„Ich halte es nicht für sachgerecht, in der Öffentlichkeit beide Dinge zusammen zu präsentieren.”

Ein Interview mit Prof. Dr. Jürgen Wasem

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Wie bewerten Sie die Studie der Bertelsmann-Stiftung?

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass wir auf rund 800 Krankenhäuser verzichten können. Dazu kommt die Studie aufgrund von zwei Effekten: Einerseits legt sie Krankenhäuser zusammen, andererseits argumentiert sie, wir könnten auf mehrere Millionen Krankenhausfälle verzichten, weil die Patienten ambulant behandelt werden könnten. Letzteres halte ich für zu kurz gesprungen. Denn die Voraussetzungen, dass eine ambulante Behandlung möglich ist, werden oft nicht vorliegen. Ich halte es nicht für sachgerecht, in der Öffentlichkeit beide Dinge zusammen zu präsentieren.

Welche Aussagekraft haben die Ergebnisse und waren sie überraschend?

Es ist nicht neu, dass wir im internationalen Vergleich sehr viele Krankenhäuser haben, die vergleichsweise klein sind. Gerade das Beispiel NRW ist schon oft zitiert worden, weil es dort ungefähr gleich viele Einwohner wie in den Niederlanden aber dreimal so viele Krankenhäuser gibt. Auch die Aussage, dass größere Krankenhäuser eher eine umfassendere Infrastruktur haben als kleinere und dass wird es uns eher leisten können, eine kleinere Zahl leistungsstarker Krankenhäuser zu finanzieren, ist wohl richtig.

„Im Übrigen war das Echo der Medien sehr unterschiedlich.“

Die Studie bezieht sich auf den Ballungsraum Köln/Leverkusen. Ist das repräsentativ und auf andere Regionen übertragbar?

Die Autoren selber schreiben, dass die Ergebnisse in besonderer Weise für die Ballungszentren gelten. Dort kann man sie für viele Regionen in Deutschland übertragen: Ich kann Krankenhäuser schließen, ohne die Anfahrtswege für die Patienten oder den Rettungsdienst wesentlich zu verlängern. In den ländlichen Räumen sieht das teilweise anders aus. Allerdings zeigen uns die Beispiele der skandinavischen Länder, dass auch hier größere Entfernungen zwischen Krankenhäusern möglich sind – es bedarf dafür dann angepasster Strukturen der Versorgung, etwa Rettungseinrichtungen oder auch ggfs. der häufigere Transport von Notfallpatienten im dem Hubschrauber.

In den Medien hat die Studie für viel Aufsehen gesorgt, sind aus ihrer Sicht medial die richtigen Schlüsse gezogen worden?

Dass das Medienecho so groß war, hängt natürlich auch mit dem Sommerloch zusammen – es war ja der Tag vor der Wahl von Frau von der Leyen und der anschließenden Übernahme des Verteidigungsministeriums durch Frau Kramp-Karrenbauer. Im Übrigen war das Echo der Medien sehr unterschiedlich: Von Kommentaren, die darin nur ein Horrorgemälde sahen, bis zu nachdenklichen, welche Anpassungen wir in den Krankenhausstrukturen brauchen.

Was sollte basierend auf der Studie nun an Handlungen folgen?

Der Ball liegt im Feld der Politik. Seit 2016 gibt es ja bereits den sogenannten Strukturfonds, in den Bund und Länder jedes Jahr eine halbe Milliarde Euro einzahlen um daraus u.a. Schließungen und Umwidmungen von Krankenhäusern zu zahlen. Aber das ist ein vergleichsweise geringfügiger Betrag. Wir müssen deutlich mehr Geld in die Hand nehmen, um leistungsfähigere Strukturen zu schaffen. Dieses kurzfristige Investment zahlt sich langfristig aus.

„Digitalisierung kann die Qualität verbessern und ist gleichzeitig auf mittlere Sicht auch kostensparend.“

Wo sehen Sie das größte Potenzial unser Gesundheitssystem zu verbessern?

Ich denke, drei Themenfelder stehen im Mittelpunkt:

Erstens die völlig unzureichenden Investitionen im Krankenhausbereich. Zutreffend spricht die Bertelsmann-Studie davon, dass viele Krankenhäuser nicht ausreichend ausgestattet sind. In vielen Krankenhäusern werden dringend notwendige Investitionen seit Jahren geschoben. Die Bundesländer sind hierfür zuständig. Sie versagen aber auf der ganzen Linie. Der von der Bertelsmann-Studie vorgeschlagene Abbau der Zahl der Krankenhäuser wird es erleichtern, die dann verbleibenden Einrichtungen besser mit den notwendigen Investitionen auszustatten, aber auch dafür müssen wir mehr Geld in die Hand nehmen. Nach meinen Vorstellungen sollten die Krankenkassen künftig die Investitionen zahlen.

Zweitens werden die Potenziale der Digitalisierung im Gesundheitswesen bislang nur unzulänglich genutzt. Digitalisierung kann die Qualität verbessern und ist gleichzeitig auf mittlere Sicht auch kostensparend. Wir brauchen hier ein verbessertes Regelwerk. Der von Jens Spahn vorgelegte Gesetzentwurf enthält wichtige Schritte in diese Richtung. Ich denke, wir brauchen aber auch einen systematische finanzielle Förderung im Rahmen der Digitalisierungsstrategie.

Drittens spricht die Bertelsmann-Studie mit den eigentlich vermeidbaren Krankenhausaufenthalten ein wichtiges Thema an. Eine wissenschaftliche Untersuchung beziffert deren Anzahl mit annähernd 4 Mio. Fällen im Jahr. Ob die Zahl wirklich so hoch ist, ist unsicher. Vor allen Dingen aber hat es ja Gründe, warum die Behandlung im Krankenhaus stattfindet. Die ambulante Versorgung ist dort oft nicht richtig aufgestellt. Auch ist der Übergang zwischen Krankenhausbehandlung und ambulanter Behandlung oft nicht gut organisiert. Da müssen wir dringend ran.

„Die Voraussetzungen für gute Qualität sind insgesamt in größeren Häusern besser als in kleineren.“

Haben wir zu viele Krankenhäuser in Deutschland?

Ob es nun die Zahl 600 ist, die die Autoren im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung ausrechnen, kann man sicher kontrovers diskutieren. Ich halte dies für überzogen, etwa weil die theoretisch vermeidbaren Krankenhausfälle in der Praxis zumindest kurzfristig nicht vermieden werden können. Auch kann man sich die Modellannahmen für das Zusammenlegen von Krankenhäusern natürlich kritisch anschauen. Aber dass wir insgesamt eine zu hohe Zahl von Krankenhäusern haben, ist unter unabhängigen Experten unbestritten.

Behandeln kleine Krankenhäuser per se schlechter als größere Häuser?

Größere Einheiten können besser ausgestattet werden. Und gleichzeitig gibt es viele Studien die zeigen, dass die Qualität von medizinischen Eingriffen steigt, je häufiger sie in einer Einrichtung gemacht werden, weil das Fachpersonal dann besser lernt. Von daher: Die Voraussetzungen für gute Qualität sind insgesamt in größeren Häusern besser als in kleineren.

Sollte bei Krankenhäusern nicht nur die reine Wirtschaftlichkeit im Vordergrund stehen, sondern auch das sich der Patient in seiner behandelnden Umgebung wohlfühlt?

Das „Wohlfühlen“ sollte erst an dritter Stelle stehen. Das wichtigste, noch vor der Wirtschaftlichkeit, ist die medizinische Behandlungsqualität. Die Vorschläge der Bertelsmann-Studie zielen ja auch nicht nur auf die Wirtschaftlichkeit, sondern insbesondere auch die Qualität.

 

 

Zur Person

Der Gesundheitsökonom Prof. Dr. Jürgen Wasem ist Inhaber des Lehrstuhls für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Versorgungsforschung und das Management von Gesundheitseinrichtungen.

Foto: Universität Duisburg-Essen

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