„Kurz gesagt, Bots erkennt man am atypischen Verhalten.”

Ein Gespräch mit Prof. Andreas Hotho

0 Kommentare
  • 3

Welchen Einfluss haben soziale Medien auf die Meinungsbildung in Deutschland?

Der Einfluss sozialer Medien auf die politische Meinungsbildung wird meines Erachtens überschätzt. Schaut man sich das heutige Nutzungsverhalten von sozialen Medien in Deutschland genauer an, so ist dies verglichen mit anderen Nationen deutlich schwächer ausgeprägt. Natürlich haben sozialen Medien Einfluss auch auf unsere Meinungsbildung, aber meiner Meinung nach, bislang nicht so deutlich wie in den USA. Da hierzulande viele Nutzer gar nicht in den sozialen Medien vertreten sind, können sie auch nicht beeinflusst werden. Allerdings: Wir sollten die viralen Effekte der sozialen Netzwerke nicht unterschätzen. So können schnell harmlose Nachrichten ungeprüft zu Top-Meldungen werden.

„Nur weil Freunde im Netz eine Nachricht weitergeben, sollte man dieser nicht unreflektiert vertrauen. Genau das wird aber häufig gemacht, wodurch sich die Effektivität von sozialen Bots erklärt.“

Inwieweit besteht Ihrer Ansicht nach die Gefahr, dass Social Bots Einfluss auf den aktuellen Bundestagswahlkampf 2017 nehmen?

Ich glaube, da besteht eher keine Gefahr. Dafür ist die Nutzung der sozialen Netzwerke in Deutschland nicht intensiv genug. Kritischer sind eher clever gemachte Falschmeldungen auf unterschiedlichsten Kanälen, die auch Bots mit einbeziehen und die sich gegenseitig verstärken und sich erst später als gezielte Falschmeldung herausstellen. In einem solchen Szenario werden die Bots als Multiplikatoren eingesetzt und könnten so effektiv die Verbreitung von Falschmeldungen pushen.

Welche Gegenmaßnahmen von Seiten der Politik halten Sie kurz- und langfristig für effektiv?

Kurzfristig muss man auf die Gefahren aus dem Netz aufmerksam machen. Nur weil Freunde im Netz eine Nachricht weitergeben, sollte man dieser nicht unreflektiert vertrauen. Genau das wird aber häufig gemacht, wodurch sich die Effektivität von sozialen Bots erklärt. Langfristig sollte man die Kontrollmechanismen stärken und effektiver gestalten.

„Kurz gesagt, Bots erkennt man am atypischen Verhalten. Kommt einem ein Nutzer umgangssprachlich gesagt „komisch“ vor, so ist die Chance groß, dass es sich um einen Bot handelt.“

Wie genau kann das geschehen?

Neben der Unterstützung von Datenjournalisten, die effektiv mit großen Datenmengen umgehen können, ist es nötig, neue Methoden und Tools durch die Forschung zu entwickeln, die kontinuierlich soziale Netzwerke, aber auch das Web als Ganzes analysieren und auf mögliche ungewöhnliche Aktivitäten hinweisen. Es kann nicht sein, dass alle sozialen Medien, aber auch alle großen Suchmaschinen nicht in Europa beheimatet sind, und Europa damit keinerlei effektiven Zugriff auf die Informationen und das Wissen dieser Welt hat.

Wie unterscheidet sich denn ein Social Bot von einem normalen Account?

Kurz gesagt, Bots erkennt man am atypischen Verhalten. Kommt einem ein Nutzer umgangssprachlich gesagt „komisch“ vor, so ist die Chance groß, dass es sich um einen Bot handelt. Sie tauchen unvermittelt auf, haben komische Freunde und können sich nicht wirklich in komplizierte und sachliche Diskussion einbringen. Social Bots sind einfache Computerprogramme, die die Kommunikation mit dem Menschen nachbilden. Je nach Bot nutzen sie dazu ganz einfache vorgefertigte Antworten auf bestimmte fest vorgegebene Hashtags oder Phrasen. Bessere Bots versuchen typisches Verhalten von Menschen, wie die Dauer des Schreibens und Verzögerungen, nachzuahmen und nutzen Texte von Webseiten als Basis für eigene Aussagen. Allerdings wird keiner der Bots bei einer komplizierten Kommunikation lange sinnvolle Antworten geben können. Dafür sind die Programme zu einfach. Auch die Freundesnetzwerke sehen bei Twitter-Bots eher untypisch aus.

„Wir brauchen nicht nur eine Debatte über das Internet, soziale Medien und deren Bots. Wir brauchen eine Debatte über die Künstliche Intelligenz im Allgemeinen.“

Wie sehr braucht es eine öffentliche Debatte über die Anonymität im Internet und die Algorithmen der sozialen Medien?

Wir brauchen nicht nur eine Debatte über das Internet, soziale Medien und deren Bots. Wir brauchen eine Debatte über die Künstliche Intelligenz (KI) im Allgemeinen. Sehr gute Bots setzen schon heute auf KI. Mit dem Fortschreiten der KI würden auch die Bots besser und damit ihre Erkennung im Netz deutlich schwerer. Bots würden nicht nur in sozialen Medien Einfluss nehmen, sondern ganz allgemein Informationen im Netz streuen, so dass auch die kritische Prüfung im Netz immer schwerer wird. Stellen sie sich vor, die KI ist in der Lage, wie ein Mensch zu kommunizieren, nur auf vielen Kanälen gleichzeitig. Damit fallen alle Indikatoren weg, durch die man heute noch effektiv einen Bot erkennt. Man würde den Bots nur noch die Ziele vorgeben und diese würden anfangen, effektiv die Meinung der Social Media-Nutzer zu beeinflussen, ohne dass es jemand merkt.

Zur Person

Der Informatiker Prof. Andreas Hotho lehrt an der Universität Würzburg. Dort leitet er die Forschungsgruppe “Data Mining und Information Retrieval” und beschäftigt er sich insbesondere mit Künstlicher Intelligenz und angewandte Informatik.

Debattiere mit!

Deine Emailadresse wird nicht veröffentlicht.

0 Kommentare