Wahlverhalten – Das war die Debatte

Eine Zusammenfassung

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Noch knapp zwei Wochen sind es bis zur Bundestagswahl 2021 und auch wenn viele Bürger*innen klare politische Einstellungen haben, ist noch nicht sicher, wie diese in konkrete Wahlentscheidungen übersetzt werden. Umfragen zeigen immer wieder neue Stimmungsbilder und sind damit ein Zeugnis, dass der Ausgang der Wahl spannend bleibt. Die Debatte hat in den vergangenen zwei Wochen gefragt, wie wir eigentlich unsere Wahlentscheidung treffen und welche Faktoren diese beeinflussen. Klar ist unter Forschenden: Einige dieser Faktoren beziehen wir bewusst in die Entscheidung ein, andere beeinflussen unser Verhalten unbewusst.

Highlight der aktuellen Debatte war die Live-Diskussion „Was entscheidet die Wahl?” am 7. September 2021, in der drei Expert*innen Einblicke in ihre Forschung zum Wahlverhalten gegeben haben. So ist es laut Prof. Dr. Sigrid Roßteutscher, Soziologin an der Goethe-Universität in Frankfurt/M., vor allem die familiäre Prägung, die darüber entscheidet, wie wir wählen – und ob wir überhaupt zur Urne gehen. Nach Prof. Dr. Thorsten Faas, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin, wird unser Wahlverhalten vor allem durch drei Faktoren bestimmt: Langfristige Parteibindungen, Themen, die aktuell als wichtig wahrgenommen werden und Personen – und da insbesondere die Frage, wie wir das Spitzenpersonal wahrnehmen. „Diese drei Faktoren zusammen erklären im Grunde unsere Wahl.“ Laut Matthias Jung, Vorstand bei der Forschungsgruppe Wahlen e.V. und ebenfalls Podiumsgast bei der Live-Debatte, beeinflussen zudem aktuelle Krisen – und deren Bewältigung – sowie Umfrageergebnisse und Stimmungsbilder vor der Wahl das Abstimmungsverhalten.

Die Debatte hat Passant*innen in der Berliner Innenstadt gefragt, welche Faktoren ihre Wahlentscheidung beeinflussen: Nach Parteiprogrammen, Kandidat*innen oder einfach dem Gefühl, lauten die Antworten.

Soziokulturelle Aspekte wie Alter, Geschlecht und Herkunft nennt Prof. Dr. Kai Arzheimer im Gespräch mit Die Debatte als weitere wahlbestimmende Faktoren. Dr. Viola Neu von der Konrad-Adenauer Stiftung erklärt im Interview, dass sozialstrukturelle Verknüpfungen zwischen Partei und Wähler*in sich immer mehr auflösten, was oftmals dazu führe, dass Wähler*innen sich erst im Moment der Stimmabgabe entscheiden würden, wo sie ihr Kreuz machen.

Einen Einfluss zumindest auf unsere politische Haltung und unsere Einstellung schreiben einige Wissenschaftler*innen unseren Genen zu und verweisen dabei auf Zwillingsstudien. Der Politikwissenschaftler John R. Hibbing, PhD an der Universität Nebraska-Lincoln erklärt im Interview: „Einwanderung ist ein evolutionäres Kernthema, weil es um das zeitlose Thema geht, wie man mit Außenseiter*innen umgehen sollte. Das ist eine Sache, die wahrscheinlich zum Teil eine Grundlage in den Genen hat.“ Laut Hibbing müssen „unsere politischen Überzeugungen … allgemein als Teil dessen betrachtet werden, was wir sind”.

Oscar W. Gabriel, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart sagt im Gespräch mit Die Debatte, dass politische Einstellungen grundsätzlich von den generellen Wertvorstellungen einer Person beeinflusst werden, die sich bereits in der Kindheit durch das Umfeld und die Lebensumstände ausbilden. Sie könnten sich allerdings im Laufe des Lebens ändern. „Die Praxis zeigt auch, dass in Krisensituationen, insbesondere auch in Wirtschaftskrisen, materialistische Werte wieder stärker werden. Und das könnte jetzt beispielsweise für die Corona-Krise auch der Fall sein“, sagt Dr. Evelyn Bytzek von der Universität Koblenz-Landau.

In ihrem Die Debatte-Video „Qual der Wahl” fasst Marina vom YouTube-Kanal Evolutionary die wichtigsten Erklärungsansätze für unser Wahlverhalten kurz, bündig und unterhaltsam zusammen.

Neben Kindheit, Konfession oder Kandidat*innen spielen auch viele äußere Einflüsse wie die nahezu täglich veröffentlichten Stimmungsbilder der Umfrageinstitute, wirkmächtige Bilder, der Wahlkampf von Parteien und Kandidat*innen sowie – zumindest in geringem Ausmaß – auch Desinformationen eine Rolle in diesen Tagen.

Umfragen, die vor einer Wahl durchgeführt werden, können den Ausgang dieser Wahl beeinflussen. Das Ausmaß sei zwar nicht nachweisbar, meint Holger Geißler von marktforschung.de im Gespräch mit Debatte, doch mit Umfragen und Berichten über diese beeinflusse man immer die Wirklichkeit. Für strategische Wähler*innen seien Umfragen grundlegend, sagt auch Prof. Dr. Rüdiger Schmitt-Beck von der Universität Mannheim.

Über die Wirkmacht von Bildern hat die Debatte mit Dr. Karin Liebhart von der Universität Wien gesprochen: „Bilder werden leichter und schneller wahrgenommen und verarbeitet als textbasierte Informationen, man erinnert sich leichter an sie und sie haben ein stärkeres Mobilisierungspotential.“ Um größere Reichweite zu erreichen und mehr Personen anzusprechen, eigneten sich Bilder und die Sozialen Medien besonders, sagt Liebhart im Interview. Werde die mediale Darstellung aber als unglaubwürdig wahrgenommen oder tauchten unvorteilhafte Bilder auf, so könnten sie die öffentliche Wahrnehmung auch negativ beeinflussen. Die mediale Darstellung – positiv oder negativ – hat auch nach Auffassung von Prof. Dr. Uwe Jun von der Universität Trier erhebliche Auswirkungen: „Bilder sind Teil des Ereignis- und Themenmanagement sowie der Präsentation und Inszenierung der Parteien und Kandidat*innen. Sie beeinflussen, wie eine Partei und ihre Kandidat*innen wahrgenommen werden.“

Darüber hinaus wird die öffentliche Wahrnehmung durch Desinformationen negativ beeinflusst. Wenngleich das Problem von Expert*innen als eher gering eingeschätzt wird: Insbesondere die Sozialen Medien sind ein idealer Nährboden. Je nachdem, wie oft Desinformationen im eigenen Feed auftauchen und ob sie der eigenen Meinung entsprechen, werde ihnen mehr oder weniger Vertrauen geschenkt, erklärt Prof. Dr. Nicole Krämer von der Universität Duisburg-Essen im Gespräch. Prof. Dr. Andreas Jungherr von der Universität Bamberg ergänzt, dass die Vertrauenswürdigkeit auch von der – zumindest zugeschriebenen – Authentizität des Absenders abhänge. Er warnt jedoch davor, Desinformationen zu viel Einfluss zuzuschreiben: „Ich halte es für falsch, von einer Epidemie der Desinformation zu sprechen, ohne tatsächlich zu wissen, wie weit das Phänomen verbreitet ist. Durch einen solchen Diskurs laufen wir Gefahr, politische Entscheidungen zu delegitimieren.“

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